Kendime Düşünceler (Selbstbetrachtungen)
Ein Kaiser schrieb in den Kriegsjahren für sich selbst, nicht damit es jemand liest. Zwölf Bücher Notizen: streng, voller Wiederholungen, überraschend nützlich.
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Marcus Aurelius hat diesem Buch keinen Titel gegeben. Auf Griechisch ist es als Ta eis heauton bekannt, grob „Dinge an sich selbst gerichtet“. Auf Englisch heißt es Meditations, auf Türkisch meist Kendime Düşünceler (deutsch Selbstbetrachtungen).
Marcus wurde 121 in Rom geboren und war von 161 bis zu seinem Tod 180 Kaiser. In denselben Jahren führte er lange Feldzüge gegen germanische Stämme. Ein Teil der Notizen entstand auf dem Feldzug: Am Ende des ersten Buchs steht als Ortsvermerk Granua im Land der Quaden, am Ende des zweiten Carnuntum. Der Text besteht aus zwölf Büchern, und es ist nicht sicher, dass die Abschnitte in der Reihenfolge angeordnet sind, in der sie geschrieben wurden.
Da das Buch gemeinfrei ist, stützt sich dieser Text auf das Werk selbst: auf George Longs englische Übersetzung von 1862 und auf die Verkaufsseiten der türkischen Ausgaben. Ich behaupte nicht, die türkischen Übersetzungen Zeile für Zeile verglichen zu haben.
Ein Buch, das an niemanden gerichtet war
Dieser Text wurde nicht geschrieben, um veröffentlicht zu werden. Es sind Notizen, die Marcus für sich selbst führte, ohne daran zu denken, dass sie eines Tages jemand lesen würde. Die Erstausgabe erschien 1558/59 in Zürich, mit dem griechischen Text und einer lateinischen Übersetzung, also rund vierzehn Jahrhunderte nach Marcus.
Das ist mir wichtig, denn daher kommt die Stimme des Buchs. Es versucht niemanden zu überzeugen, es stellt sich vor niemandem gut dar. Es wiederholt denselben Gedanken dreimal, weil es ihn sich selbst wiederholt. Das ist kein Lehrer, der seinen Stoff vorträgt, sondern ein Mann, der sich am Morgen sammelt.
Der französische Philosoph Pierre Hadot hat diese Lesart systematisiert. In La citadelle intérieure (1992; englisch The Inner Citadel, 1998) liest er die Notizen weniger als Tagebuch denn als stoische „geistige Übungen“: gedankliche Übungen, die wiederholt werden, um den Menschen zu verändern, der sie ausführt. Für mich ist das die nützlichste Lesart. Wenn man Marcus nicht als jemanden liest, der eine Lehre darlegt, sondern als jemanden, der eine Lehre an sich selbst erprobt, öffnet sich der Text.
Das erste und zweite Buch: Schuldenliste und Morgen
Das erste Buch beginnt nicht mit einer Liste von Grundsätzen, sondern mit einer Liste der Dankbarkeit. Marcus zählt auf, was er von wem gelernt hat. Von seinem Großvater Verus Sanftmut und die Beherrschung des Zorns, von seinem Lehrer Rusticus, dass er an sich arbeiten muss, und den Zugang zu den Gesprächen Epiktets, von Fronto, wie Neid und Heuchelei bei Menschen an der Macht funktionieren, von Maximus Selbstbeherrschung und Heiterkeit, von seinem Adoptivvater Antoninus ruhige Entschlossenheit und Bescheidenheit gegenüber Ehrungen.
Dieser Teil wird leicht übersprungen, aber ich finde, man sollte ihn nicht überspringen. Unter der strengen Stimme im Rest des Buchs liegt eine Dankbarkeit, und hier wird sie sichtbar.
Das zweite Buch beginnt mit dem bekanntesten Morgensatz. „Begin the morning by saying to thyself“, heißt es in Longs Übersetzung. Was folgt, ist eine Erinnerung an sich selbst: Heute wirst du Menschen begegnen, die sich in deine Angelegenheiten einmischen, undankbar, überheblich, betrügerisch, neidisch und ungesellig sind. Sie alle verhalten sich so, weil sie Gut und Böse nicht kennen. Und dabei haben sie an derselben Vernunft teil wie du. Keiner von ihnen kann dir wirklich schaden, und ihnen zu zürnen ist wider die Natur.
Im selben Buch steht auch die Grenze der Zeit: Du schiebst die Gelegenheit, deinen Verstand zu sammeln, immer weiter auf, und die Zeit kommt nicht zurück. Das zweite Buch endet mit einem Carnuntum-Vermerk.
Vom dritten bis zum sechsten: Natur, Rückzug, Arbeit
Im dritten Buch hält mich am meisten das Bild von der Schönheit der Dinge, die unvollkommen wirken: aufgesprungenes Brot, schrumpelige Feigen, reife Oliven, die Falten auf der Stirn eines Löwen. Ein Geist, der die Natur kennt, sieht auch darin einen Reiz, sagt er. Im selben Buch wird das Leben als Seereise und der Tod als Landgang beschrieben, und es wird geraten, keine Zeit damit zu verlieren, darüber nachzudenken, was andere tun.
Im vierten Buch kommt der bekannteste Gedanke des Buchs: Die Menschen wollen sich aufs Land oder an die Küste zurückziehen, aber du kannst dich jederzeit, wenn du willst, in dich selbst zurückziehen. Ruhe ist die gute Ordnung des Geistes. Auch das Bild vom Feuer steht hier: Ein starkes Feuer verschlingt, was ihm in den Weg kommt, und macht es zu seinem Brennstoff, und so verhält sich auch die Vernunft gegenüber dem Hindernis, das ihr begegnet. Der Satz „Be like the promontory against which the waves continually break“, das Bild der Felsklippe, die stehen bleibt, während die Wellen gegen sie schlagen, steht ebenfalls in diesem Buch.
Das fünfte Buch beginnt damit, nicht aus dem Bett zu kommen. Marcus fragt sich: Stehe ich auf, um die Arbeit eines Menschen zu tun, oder bin ich geboren, um im warmen Bett zu bleiben? Ameisen, Spinnen, Bienen tun ihre Arbeit. Auch das Ausruhen hat eine Grenze, die die Natur gesetzt hat. Hier taucht auch der Gedanke „das Hindernis bringt die Handlung voran“ auf: Was eine Handlung aufhält, kann zum Material der Handlung werden.
Im sechsten Buch habe ich mir diese Stelle markiert: Die beste Rache an dem, der Unrecht tut, ist, ihm nicht ähnlich zu werden. Im selben Buch gibt es die Übung, Speisen und Wein in ihrem nackten Zustand zu betrachten; der Wein ist ein wenig Traubensaft, der Fisch der Leichnam eines Lebewesens. Auch der Gedanke, dass, was dem Bienenstock nicht nützt, auch der Biene nicht nützt, steht hier.
Vom siebten bis zum neunten: die innere Burg und die anderen
Im siebten Buch steht der Satz über den Blick nach innen: „Look within. Within is the fountain of good.“ Die Quelle ist innen, und wenn du gräbst, sprudelt sie hervor. Das achte Buch verbindet denselben Gedanken mit dem Bild der Burg: Ein Geist, der frei von Leidenschaften ist, ist eine Burg, und wer sich nicht dorthin zurückzieht, ist unglücklich. Auch der Titel von Hadots Buch geht auf dieses Bild zurück.
Im achten Buch gibt es noch ein weiteres starkes Bild: eine abgetrennte Hand oder ein abgetrennter Fuß. Wer sich von den anderen und vom Ganzen abtrennt, gleicht einem solchen abgetrennten Glied. Dass der Mensch sich wieder mit dem Ganzen vereinen kann, ist für ihn eine Gnade der Natur. Das neunte Buch sagt, dass jemand, der Unrecht tut, in Wahrheit sich selbst Unrecht tut. Wenn du kannst, korrigiere, indem du belehrst; wenn nicht, ertrage es und halte deine Erwartungen realistisch, denn schamlose Menschen wird es weiterhin geben.
Die gemeinsame Bewegung in diesen Büchern besteht darin, das, was von deinem Geist abhängt, von dem zu trennen, was von anderen abhängt. Das wirkt wie ein antiker großer Bruder der Unterscheidung, die ich im Text über Akzeptanz- und Commitment-Therapie beschrieben habe.
Vom zehnten bis zum zwölften: aufhören zu reden und sein
Im zehnten Buch steht für mich einer der besten Sätze des Buchs: Hör auf, darüber zu reden, wie ein guter Mensch sein sollte, und sei es. Ein Satz, der auf ein Regal voller Selbsthilfebücher fällt.
Das elfte Buch hat zwei Gesichter. Auf der einen Seite stehen Gedanken über das Theater: Die Tragödie erinnert die Menschen daran, dass Leid Teil der Natur ist, die alte Komödie trägt eine Offenheit in sich, die Anmaßung zügelt. Auf der anderen Seite die Kraft des Wohlwollens: Ein wirklich gütiges Wesen ist unbesiegbar, sagt er. Im selben Buch erwähnt er, als er die Bereitschaft zum Sterben beschreibt, auch die Christen: Er sagt, die Bereitschaft müsse aus der Vernunft kommen, nicht aus Starrsinn.
Das Buch endet im zwölften Buch mit dem Bild einer Stadt und eines Schauspielers: Du warst für eine bestimmte Zeit Bürger dieser großen Stadt, die Natur, die dich hereingelassen hat, führt dich nun hinaus, geh zufrieden und gelassen. In Longs Übersetzung gehen die letzten Worte in diese Richtung.
Die größten Stärken
Die größte Stärke des Buchs ist, dass sein Verfasser an der Macht war. Marcus verachtet Ruhm, Lob und Reichtum, während er all das tatsächlich in Händen hält. Das gibt seinen Worten Gewicht. Er sieht sich nicht als jemanden, der Lektionen erteilt, sondern als jemanden, der noch lernt.
Die zweite Stärke ist das Gleichgewicht zwischen Strenge und Mitgefühl. In Sätzen wie „Belehre, um zu korrigieren“ oder „Sei ihm nicht böse, er weiß es nicht besser“ liegt eine Sanftheit. Im selben Text ist er sich selbst gegenüber gnadenlos: Wach auf, kümmere dich um deine Arbeit, erfinde keine Ausreden.
Die dritte ist die bruchstückhafte Form. Dieses Buch muss man nicht in einem Zug von vorne bis hinten lesen. Ein Morgen, eine Seite.
Schwächen und Kritik
Wiederholung. Derselbe Gedanke kommt zwanzigmal und fügt meistens nichts Neues hinzu. Es ist gut, das zu wissen, bevor man anfängt; sonst wird das Buch zu einem ermüdenden Echo. D. A. Rees schrieb 1992, er finde den Text zutiefst bewegend, sehe darin aber keine originelle Philosophie. Ich finde, er hat recht: Marcus baut kein neues System, er wendet die bestehende Stoa auf sein eigenes Leben an.
Dann ist da die Frage der emotionalen Kälte. Der Satz „Niemand kann dir schaden“ kann für jemanden, der echten Schmerz erlebt, wie eine Anweisung zur Verdrängung klingen. Das Ziel der Stoa ist nicht Gefühllosigkeit, aber bei schnellem Lesen wird der Text so verstanden. Auch die Christen-Passage ist die kälteste Stelle des Buchs: Selbst die Bereitschaft zum Sterben beschreibt er, indem er eine Gruppe herabsetzt.
Und dann ist der Text selbst problematisch. Der griechische Text, den wir haben, beruht auf zwei Hauptquellen. Die eine ist eine später verlorene Handschrift, auf der die Ausgabe von 1558/59 beruht; die andere eine fehlerhafte Abschrift aus dem vierzehnten Jahrhundert, in der einige Zeilen fehlen. Jede Übersetzung enthält also bis zu einem gewissen Grad editorische Entscheidungen.
Was ADHS angeht, muss ich ehrlich sein: Das Buch sagt nichts über ADHS und bietet keine Methode, die für ADHS gedacht ist. Bekanntlich reichen die Wurzeln der kognitiven Verhaltenstherapie bis zu den Stoikern zurück; Aaron Becks Handbuch zur Depression schreibt das ausdrücklich. Das heißt aber nicht, dass das Lesen von Marcus ADHS-Symptome verringert. Erprobt ist die Wirkung eines strukturierten Programms, das mit einer Therapeutin oder einem Therapeuten durchgeführt wird. Im Text über kognitive Verhaltenstherapie habe ich diese Unterscheidung ausführlicher beschrieben.
Welche Ausgabe man kaufen sollte
Wenn ich beim türkischen Online-Buchhändler Kitapyurdu suche, werden viele Ausgaben von Kapra, Say, Can, Oda, İş Bankası Kültür Yayınları und anderen Verlagen angezeigt. Soweit ich auf den Seiten sehe, ist die gebundene Ausgabe von İş Bankası Kültür Yayınları die Übersetzung von Yunus Emre Ceren, 2018, 156 Seiten. Die Ausgabe von Say Yayınları ist die Übersetzung von Furkan Akderin, 2022, 136 Seiten. Die Ausgabe von Can Yayınları ist die Übersetzung von C. Cengiz Çevik, 184 Seiten. Welche direkt aus dem Griechischen übersetzt wurde, konnte ich auf den Seiten nicht überprüfen; nur die Seite von Say sagt, dass die zwölf Bücher auf Griechisch geschrieben wurden.
Schon der Unterschied in der Seitenzahl zeigt, wie stark sich die Ausgaben in Vorwort, Fußnoten und Satz voneinander unterscheiden. Bei der Auswahl erscheint mir eine Ausgabe mit Fußnoten, die die Nummerierung der Bücher beibehält, sicherer. Wenn du Englisch liest, kommst du kostenlos an Longs Übersetzung.
Für wen, für wen nicht
Für Leserinnen und Leser, die nicht über ein Lehrbuch, sondern über den Text selbst in die Philosophie einsteigen wollen, die in kurzen Stücken lesen können und eine innere Stimme suchen, die streng, aber nicht grob ist. Auf jeder Seite wartet eine kleine Prüfung.
Für jemanden mit ADHS könnte die praktische Anwendung so aussehen: eine Seite, morgens, zu einer festen Uhrzeit. Wie ich im Text über die Morgenroutine beschrieben habe, hält eine Routine nicht ihr Inhalt aufrecht, sondern ihre Beständigkeit. Abends den Satz dieses Morgens in den Tagesabschluss aufzunehmen, erfüllt denselben Zweck.
Für jemanden, der die Diagnose gerade erst bekommen hat und noch in Wut oder Trauer steckt, ist es zu früh. Der Satz „Zürnen ist wider die Natur“ kann sich für jemanden, der versucht, seine Wut zu tragen, wie eine Ungerechtigkeit anfühlen. Für diese Zeit passt der Text über Wutausbrüche besser.
Sein Platz im Regal
Im Philosophieregal ist Marcus' nächster Nachbar Sisifos Söyleni (Der Mythos des Sisyphos). Beide fragen, was man in einer Welt tun soll, die keinen Sinn gibt. Camus akzeptiert und rebelliert, Marcus akzeptiert und nimmt seinen Platz ein. Auch neben Frankls Buch İnsanın Anlam Arayışı (…trotzdem Ja zum Leben sagen) steht es gut: Alle drei vertreten die Ansicht, dass dort, wo du die Umstände nicht ändern kannst, deine Haltung noch in deiner Hand liegt.
Im Tagebuch habe ich über einige Begriffe geschrieben, die an die Stoa angrenzen. Ataraxia beschreibt die Gelassenheit, hypomone das Ausharren, amor fati Nietzsches Gedanken, das Schicksal zu lieben, und Epiktets schlichtere Annäherung daran, oikeiosis schließlich den Gedanken der Stoa vom innersten Kreis. Zusammen mit diesem Buch gelesen, ergänzen sie einander.
Meine Haltung
Dieses Buch einmal zu Ende zu lesen und ins Regal zu stellen, kommt mir falsch vor, aber ebenso, es jeden Morgen aufzuschlagen und eine Lektion herausziehen zu wollen. Ich finde, man benutzt es richtig, wenn man es wie einen Spiegel betrachtet, den man ab und zu aufklappt: Worüber ärgere ich mich heute Morgen, welche Aufgabe schiebe ich auf, für wen suche ich Ausreden? Marcus hat sich diese Fragen selbst gestellt, und mit den Antworten wirkt er nicht zufrieden. Gerade deshalb vertraue ich ihm: die Notizen eines Mannes, der sich selbst nichts vormacht.