The Conquest of Happiness
Für Russell ist Glück keine Stimmung, sondern etwas, das man mit der Weite der Interessen baut. Welche Hälfte dieses Rezepts von 1930 lebt noch, welche ist veraltet?
Türkçe okuRead in EnglishLire en françaisAuf Reddit teilen
George Allen & Unwin veröffentlichte es 1930 in London. Verzeichnet ist auch eine amerikanische Ausgabe von Liveright mit demselben Datum. Die gescannte britische Ausgabe hat einschließlich Register zweihunderteinundfünfzig Seiten. Siebzehn Kapitel, zwei Teile, ein Vorwort.
Bertrand Russell ist ein 1872 geborener britischer Mathematiker und Philosoph. Bekannt ist er für seine Arbeiten über die Grundlagen der Mathematik, 1950 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Wegen seiner pazifistischen Haltung während des Ersten Weltkriegs verlor er seine Stelle am Trinity College, 1918 kam er ins Gefängnis. Dieses Buch schrieb er mit achtundfünfzig Jahren, und das sagt er in einem Kapitel auch selbst.
An eine verifizierte türkische Ausgabe bin ich nicht ganz herangekommen; ich schreibe unter dem Originaltitel darüber. Es gibt ein Russell-Buch, das bei Say Yayınları unter dem Titel Mutlu Olma Sanatı erschienen ist, als Übersetzer wird Yunus Sağlamtürk angegeben (auf Kitapyurdu mit 2023 datiert, 192 Seiten). Da auf der Seite des Händlers kein Originaltitel steht, konnte ich nicht selbst überprüfen, ob es sich um dieses Buch handelt. Und noch ein Hinweis: In der Türkei wird der Titel Mutluluğun Fethi auch für ein Buch von Jules Payot verwendet, bei der Suche muss man also auch Russells Namen eingeben. Die Details zu den Kapiteln in diesem Beitrag beruhen auf dem gescannten Text der Ausgabe von 1930.
Vorwort und Grenzen
Das Vorwort ist kurz, und sein Anspruch ist gering. Das Buch ist nicht für Gelehrte geschrieben, man soll darin auch keine tiefe Philosophie oder Gelehrsamkeit suchen. Russell sagt, die Rezepte, die er vorschlägt, seien durch seine eigene Erfahrung und Beobachtung bestätigt, und mehr behauptet er nicht. In diesem bescheidenen Anspruch liegen zugleich die Stärke und die Grenze des Buchs.
Das erste Kapitel beginnt in den Straßen von New York. Russell fordert den Leser auf, Gesichter zu lesen: in der Menge zur Arbeitszeit Sorge und die Unfähigkeit zu spielen, auf dem Weg ins Wochenende ein Vergnügen, das im Tempo des langsamsten Autos vorankommt, auf Partys Menschen, die beschlossen haben, glücklich zu sein, so wie man beschließt, zum Zahnarzt zu gehen. Dann zieht er seine Grenze. Krieg, Armut und Erziehung wird er nicht behandeln. Er will über das alltägliche Unglück von Menschen sprechen, deren Einkommen reicht, die gesund sind und keine große Katastrophe erlebt haben, also über das Unglück, das unvermeidlich erscheint, weil es keine äußere Ursache hat.
Dann erzählt er seine eigene Geschichte. Als Kind war sein Lieblingskirchenlied das Lied von jemandem, der „der Welt müde und mit seiner Sünde beladen“ ist. Mit fünf Jahren rechnete er aus, wie viel Langeweile vor ihm läge, wenn er siebzig würde. Als junger Mann lebte er an der Schwelle zum Suizid, und was ihn hielt, war der Wunsch, noch etwas mehr Mathematik zu lernen. „I was not born happy“, sagt er, ich wurde nicht glücklich geboren. Die Wende führt er auf drei Dinge zurück: zu entdecken, was er wollte, das Unerreichbare (sicheres Wissen) aus seinen Wünschen zu streichen und weniger mit sich selbst beschäftigt zu sein. Die These des Buchs steckt im dritten Punkt. Ihm zufolge bringt das auf sich selbst gerichtete Interesse keine Tätigkeit hervor, die einen Menschen voranbringt; höchstens führt es zum Tagebuchschreiben, zur Psychoanalyse oder ins Mönchtum.
Er zählt drei Typen der Selbstversunkenheit auf: den, der sich in sein Sündenbewusstsein vergräbt, den Narzissten, der Bewunderung erwartet, und den Größenwahnsinnigen, der Macht und Furcht sucht. Als Beispiele für den dritten nennt er Alexander und Napoleon.
Erster Teil: Woher das Unglück kommt
Das zweite Kapitel ist dem byronschen Unglück gewidmet. Russell stellt sich gegen die Klugen, die überzeugt sind, dass alles eitel ist, gegen das Buch Kohelet und gegen einen Autor seiner Zeit, Joseph Wood Krutch. Sein Argument lautet: Das ist eine Stimmung, und mit Stimmungen kann man nicht streiten. Er selbst kam aus diesem Zustand nicht durch Philosophie heraus, sondern durch eine Notwendigkeit, die ihn zum Handeln zwang. Wer ein krankes Kind hat, denkt nicht, dass alles eitel ist; wer dagegen jeden Wunsch mühelos erfüllt bekommt, vergisst, dass es zum Glück gehört, auf manche Dinge verzichten zu müssen. Auch sein Rat an junge Literaten ist hübsch: Hört auf, das Schreiben zu versuchen, werdet Piraten, werdet König auf Borneo.
Das dritte Kapitel ist der Wettbewerb. Was wir „Kampf ums Leben“ nennen, ist meistens kein Hunger, sondern die Angst, andere nicht in den Schatten stellen zu können. Russell beschreibt den Geschäftsmann, der das Leben wie einen Hundertmeterlauf lebt, seine Kinder und seine Frau nicht kennt und selbst im Urlaub an die Arbeit denkt. Geld verachtet er nicht: Er meint, dass es das Glück bis zu einem gewissen Punkt steigert, danach nicht mehr. Das vierte Kapitel ist Langeweile und Aufregung. Das Gegenteil von Langeweile ist nicht Vergnügen, sagt er, sondern Aufregung. Es gibt zwei Arten: die fruchtbare Langeweile, die aus dem Fehlen von Rauschmitteln entsteht, und die tödliche Langeweile, die aus dem Fehlen lebendiger Tätigkeit entsteht. Die meisten großen Leben sind voller langweiliger Abschnitte, und das muss man Kindern beibringen.
Das fünfte Kapitel ist die Müdigkeit. Hier stehen die nützlichsten Seiten des Buchs. Nach Russell kommt der größte Teil der Müdigkeit nicht von der Arbeit, sondern von der Sorge, und die Sorge von den Dingen, die man abends mit ins Bett nimmt. Sein Vorschlag: Wenn die für eine Entscheidung nötigen Informationen gesammelt sind, einmal gründlich nachdenken, die Entscheidung treffen und nicht darauf zurückkommen, solange keine neue Information kommt. Der Weg, mit der Angst umzugehen, sei, der schlimmsten Möglichkeit mit offenen Augen ins Gesicht zu sehen und sich davon zu überzeugen, dass sie für das Universum unwichtig ist. Wenn du vor der Angst fliehst, wächst sie; wenn du sie lange ansiehst, wird sie langweilig.
Das sechste Kapitel ist der Neid, das siebte das Sündenbewusstsein. Das Mittel gegen den Neid ist, mit dem Vergleichen aufzuhören, denn Napoleon beneidete Caesar, Caesar beneidete Alexander; außerdem beneidet ein Pfau nicht den Schwanz eines anderen Pfaus, weil jeder glaubt, sein eigener sei der schönste. Beim Sündenbewusstsein zerlegt Russell das Gewissen: Ein Teil ist die Angst, erwischt zu werden, ein Teil die Angst, aus der Herde ausgestoßen zu werden, der tiefste Teil sind Verbote, die vor dem sechsten Lebensjahr gelernt wurden und die die Vernunft nicht verteidigen kann. Was wirklich Schaden anrichtet (Betrug im Geschäftsleben, Härte gegenüber Angestellten, Grausamkeit im Haus), gerät gar nicht auf den Radar dieses kranken Gewissens. Das Mittel dagegen ist, den unsinnigen Glauben im Unbewussten mit der Wurzel herauszuziehen und mit dem Verstand zu prüfen, aber nicht, sich täglich eine Stunde lang selbst zu erforschen, denn das verstärkt die Beschäftigung mit sich selbst.
Das achte Kapitel ist der Verfolgungswahn. Er gibt vier Regeln: Wisse, dass deine Motive nicht so selbstlos sind, wie sie scheinen; überschätze deinen Wert nicht; erwarte von anderen nicht so viel Interesse an dir, wie du selbst an dir hast; denk daran, dass niemand so viel Zeit hat, an dich zu denken. Dazu ein Test für Künstler: Schaffst du aus Inspiration oder für den Applaus? Das neunte Kapitel ist die Angst vor der öffentlichen Meinung. Er beschreibt, wie wichtig es für einen jungen Menschen, der in seiner Herkunftsumgebung fremd bleibt, ist, eine Gruppe zu finden, mit der er im Einklang ist, und rät, das sogar bei der Berufswahl zu berücksichtigen. Die öffentliche Meinung, sagt er, beißt den, der sich fürchtet, stärker.
Zweiter Teil: Woher das Glück kommt
Das zehnte Kapitel heißt „Ist Glück noch möglich?“. Russell teilt das Glück in zwei Arten: eines, das allen offensteht, und eines, das nur denen offensteht, die lesen und schreiben können. Als Beispiele für das erste nennt er einen Brunnengräber, der nicht lesen und schreiben kann, und einen über siebzigjährigen Gärtner, der ständig gegen Kaninchen kämpft. Unter gebildeten Menschen hält er die Wissenschaftler für die glücklichste Gruppe. Dann geht er Hobbys, Anliegen und Handfertigkeit durch und kommt zum Grundsatz des Buchs: Halte deine Interessen so weit wie möglich, und lass deine Reaktion auf die Dinge und Menschen, die dich interessieren, freundlich statt feindselig sein.
Das elfte Kapitel ist die Lebenslust, also zest. Er zählt fünf Typen auf, die sich zum Essen setzen: den Gelangweilten, den, der isst wie eine Pflicht, den, der an jedem Essen etwas auszusetzen hat, den, der sich vollstopft, und den, der mit Appetit isst und dann aufhört. Der glückliche Mensch ist der letzte. Der Vergleich mit der Wurstmaschine ist gut: Die Maschine, die beschließt, ihre eigenen Innereien zu untersuchen, und das Schwein zurückweist, verliert ihre Funktion. Die Lust muss ausgewogen sein, und Russell kehrt hier zum Maßverständnis der alten Griechen zurück.
Das zwölfte Kapitel ist die Zuneigung. Das Gefühl, geliebt zu werden, gibt Sicherheit, und Sicherheit gibt Mut. Aber auch die Zuneigung, die man gibt, ist zweierlei: die Bewunderung des Passagiers für das Ufer, dessen Schiff sicher ist, und das Sich-Klammern des Schwimmers an das Ufer, dessen Schiff sinkt. Das dreizehnte Kapitel ist die Familie. Russell hält hier das Großziehen von Kindern für das größte Glück des Lebens und vertritt, dass Eltern tiefen Respekt vor dem Kind empfinden sollten und dass die Mutter nicht alles selbst machen muss. Das vierzehnte Kapitel ist die Arbeit. Freizeit verlangt Entscheidungen, und Entscheiden ist anstrengend; die Arbeit nimmt dir einen Teil dieser Entscheidungen ab. Zwei Dinge machen Arbeit befriedigend: Können einzusetzen und etwas aufzubauen. Auch Zerstörung macht Spaß, ist aber weniger befriedigend als Aufbauen.
Das fünfzehnte Kapitel sind die unpersönlichen Interessen. Auch der bewusste Geist muss manchmal brachliegen, Interessen außerhalb der Arbeit sind eine Form der Erholung. Das Heilmittel gegen den Fanatismus ist, die Vergangenheit der Menschheit und die Größenordnung des Universums vor Augen zu behalten. Das sechzehnte Kapitel ist Anstrengung und Ergebung. Hier wird der Titel des Buchs erklärt: Glück fällt einem nicht wie eine reife Frucht in den Mund, es wird erobert. Aber auch die Ergebung hat ihren Platz: Die Ergebung aus Verzweiflung ist schlecht, die aus unbesiegbarer Hoffnung gut. Das letzte Kapitel ist der glückliche Mensch. Ihm zufolge sind das glückliche und das gute Leben weitgehend dasselbe. Er empfiehlt, sich jeden Tag eine unangenehme Wahrheit einzugestehen.
Die größten Stärken
Ich finde, die solideste Stelle des Buchs ist die Einfachheit des Rezepts. Russell beschreibt Glück nicht als Gefühl, sondern als Ausrichtung. „Let your interests be as wide as possible“, sagt er, halte deine Interessen weit. Neid, Sündenbewusstsein, Verfolgungswahn, die Angst vor der öffentlichen Meinung treffen sich alle an derselben Wurzel: Die Aufmerksamkeit ist nach innen gewendet.
Das zweite ist die Analyse der Langeweile. Dass er Langeweile nicht als Mangel an Vergnügen, sondern als Mangel an Aufregung definiert und sagt, zu viel Aufregung stumpfe den Geschmack ab, ist eine Beobachtung, die heute sogar für den Feed auf unserem Handy gilt. Der Beitrag über Reizsuche auf dieser Seite kommt an derselben Stelle an: Das Problem liegt nicht in der Suche selbst, sondern darin, aus welchem Kanal sie sich speist.
Das dritte ist das Kapitel über Müdigkeit und Sorge. Die Arbeit, die man mit ins Bett nimmt, das Entscheiden und Nicht-mehr-Zurückkommen, das Ausmessen des Schlimmsten, indem man ihm in die Augen sieht, haben einen praktischen Wert. Der Beitrag über Brain Dumping auf dieser Seite zeigt in dieselbe Richtung wie dieses Kapitel, aber Russells Werkzeug ist geistige Disziplin, das Werkzeug in jenem Beitrag ist Papier.
Das vierte ist das Kapitel über Arbeit. Dass er sagt, Freizeit bringe eine Entscheidungslast mit sich, ist einer der Sätze des Buchs, die einem Leser mit ADHS am nächsten sind. Es hat mir gefallen, dass er 1930 schreibt, eine von außen gesetzte Struktur könne eine Erleichterung sein.
Schwächen und Kritik
Zuerst die Frage der Belege. Russell sagt von Anfang an, dass er sich auf seine eigene Beobachtung stützt, aber das Buch rutscht ins Verallgemeinern: Wissenschaftler seien die glücklichsten, Künstler weniger glücklich. Die Beispiele sind einzelne Personen. Zu Themen wie Geld und Glück wurde später viel geforscht; ich prüfe Russell hier nicht daran, sondern halte nur fest, dass das Buch auf Beobachtung beruht.
Das zweite sind die Vorurteile der Zeit. Im Kapitel über den Neid gibt es Sätze, die Völker und Rassen nach Eigenschaften einteilen. Das Kapitel über die Familie stellt den Rückgang der Geburtenrate als Problem für die Zukunft der „weißen Rassen“ dar. Klischees über Frauen und Männer nehmen viel Raum ein. Es gibt auch die Behauptung, die russische Jugend sei vermutlich die glücklichste der Welt. Kein Grund, das Buch wegzuwerfen, aber all das sollte man als Vermerk von 1930 lesen.
Das dritte ist der psychoanalytische Rahmen. Dass er die Wurzel des Sündenbewusstseins an die Mutter-Säugling-Beziehung bindet, und die Verweise auf Ödipus sind inzwischen veraltet. Auch die Technik, die er vorschlägt (einen bewussten Gedanken so kräftig zu drängen, dass er sich im Unbewussten festsetzt), gilt heute nicht als geprüfte Methode.
Das vierte ist die individualistische Grenze. Russell lässt Armut, Krieg und schwere Krankheit von vornherein draußen. Im letzten Kapitel sagt er, dass in schweren Fällen ein Psychiater nötig sein kann, aber der Rest des Buchs hält das Unglück meist für eine falsche Ausrichtung der Person selbst. Für jemanden, der mit einer klinischen Depression lebt, reicht dieser Rahmen nicht aus.
Das fünfte ist ADHS. Das Buch weiß nichts von ADHS. Der Vorschlag, Kindern beizubringen, Langeweile auszuhalten, kann für jemanden mit ADHS weniger eine moralische Frage als eine Frage des Nervensystems sein. Daran hängen auch die Ratschläge, die ein Aufmerksamkeitssystem voraussetzen, das die Gedanken bei Bedarf in eine andere Richtung lenken kann. Auch der Vorschlag „denk mehr über die Angst nach“ sollte vorsichtig gelesen werden: Russell beschreibt einen ruhigen und fokussierten Blick, nicht das Kreisen im Kopf. Wer zum Grübeln neigt, kann diesen Unterschied übersehen.
Dann noch mein eigener Einwand: Ich schreibe Tagebuch, und Russell zählt im ersten Kapitel das Tagebuchschreiben zu den Anzeichen der Beschäftigung mit sich selbst. Für mich liegt der Unterschied darin, wohin das Tagebuch schaut. Ein Tagebuch, das aufschreibt, was im Lauf des Tages passiert ist, was gelesen wurde, die Welt, schaut nach außen. Ein Tagebuch, das nur die eigene Schuld aufschreibt, ist die Stelle, an der Russell recht hat.
Für wen, für wen nicht
Für Leser, die den Satz „arbeite mehr“ satthaben und vom Alltag erschöpft sind. Für Erwachsene, die fragen „wofür ist das alles“, nachdem die praktischen Rezepte der ADHS-Bücher ausgeschöpft sind. Für alle, die Philosophie mögen und statt eines schweren Textes einen flüssigen Essay wollen. Die Kapitel lassen sich unabhängig voneinander lesen, der Reihe nach zu gehen ist nicht nötig.
Jemandem in einer schweren Depression oder in Trauer würde ich es nicht als erstes Buch geben. Für jemanden, der gerade die Diagnose bekommen hat und in Scham und Trauer steckt, ist es auch zu früh: Der Satz „hör auf, dich mit dir selbst zu beschäftigen“ kann in dieser Phase falsch ankommen. Wer eine Schritt-für-Schritt-Methode erwartet, ist hier auch falsch.
Sein Platz im Regal
Im Philosophieregal steht Russell zwischen Camus und Aristoteles. Sisifos Söyleni beginnt mit dem Annehmen der Sinnlosigkeit, Russell dagegen reduziert das Gefühl der Sinnlosigkeit meist auf eine Stimmung und stützt das Glück nicht darauf. Die beiden streiten nicht, sie beantworten verschiedene Fragen: Das eine fragt, wie halte ich durch, das andere, wie lebe ich gut.
Russell bezeichnet sich am Ende des Buchs als Hedonisten, also als jemanden, der das Glück für das Gute hält. Nikomakhos'a Etik dagegen baut die eudaimonia nicht als Gefühl, sondern als Tätigkeit auf. Nebeneinander gelesen ist das interessant: Wo Russell ankommt, also bei Interesse, Anstrengung und Ausrichtung, liegt näher an Aristoteles als erwartet. Das Tagebuch sich glücklich fühlen und gut leben, das ich über eudaimonia geschrieben habe, berührt dieselbe Spannung.
Auf der praktischen Seite lässt es sich mit Flow lesen, denn was Russell über Können und Aufbauen schreibt, fällt in das Gebiet jenes Buchs. Für das Kapitel über das Sündenbewusstsein ist Self-Compassion eine gute zweite Lektüre: Russell verteidigt die Selbstachtung mit Argumenten, Neff in der Sprache der Forschung. Zu Hobbys kann man sich auch den Beitrag über den Hobby-Friedhof ansehen; Russell warnt im letzten Kapitel davor, Interessen wie ein Medikament im Voraus auszuwählen.
Zum Schluss
Ich würde dieses Buch nicht als Glücksrezept lesen, sondern als Richtungsbeschreibung. Das Rezept ist unvollständig: Seine Grundlage ist die Beobachtung eines einzelnen Mannes, seine Sprache ist nicht frei von den Vorurteilen von 1930. Die Richtung aber ist für mich richtig. Es findet nicht der das Glück, der ihm direkt nachjagt, sondern der, der seine Interessen weitet.