The Explosive Child
Kein Buch über ADHS, sondern über Verhalten. Greene schlägt vor, dem explodierenden Kind statt Strafe oder Belohnung die fehlende Fähigkeit beizubringen.
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Dieses Elternbuch von Ross W. Greene erschien erstmals 1998 bei HarperCollins und wurde danach immer wieder überarbeitet. Die Bibliothekseinträge, die ich gesehen habe, geben für die vierte Auflage 2010 und für die sechste Auflage 2021 an. Die sechste Auflage ist bei Harper erschienen, im Eintrag stehen xvii und 254 Seiten. Der volle Titel lautet The Explosive Child: A New Approach for Understanding and Parenting Easily Frustrated, Chronically Inflexible Children.
Auf Türkisch ist es bei Kronik Kitap unter dem Titel Zor Çocuk erschienen: übersetzt von Tülin Er, 22. Oktober 2020, 272 Seiten. Die Händlerseiten nennen den Originaltitel nicht. Weil Autorenname und Klappentext übereinstimmen, gehe ich davon aus, dass es dasselbe Buch ist, aber nach welcher englischen Auflage übersetzt wurde, konnte ich nicht überprüfen. Bei Net Kitap gibt es außerdem eine 248 Seiten starke Ausgabe von 2017 mit dem Titel Zor Çocukları Anlamak; ob sie eine ältere Übersetzung desselben Buches ist, weiß ich nicht sicher. Ich schreibe den Originaltitel.
Dieser Text stützt sich auf das Inhaltsverzeichnis des Buches, auf die Beschreibungen von Verlag und Buchhandel, auf Zusammenfassungen von Leserinnen und Lesern und auf veröffentlichte Arbeiten zu Greenes Modell. Die Kapiteltitel gebe ich nur so wieder, wie ich sie in der Liste gesehen habe, und wo ich den Inhalt nicht sehen konnte, sage ich, dass ich ihn nicht sehen konnte.
Wer ist der Autor
Greene ist klinischer Kinderpsychologe. Er promovierte 1989 an der Virginia Tech, arbeitete von 1992 bis 2013 in der psychiatrischen Abteilung der Harvard Medical School und kehrte dann an die Virginia Tech zurück. Er ist Gründungsdirektor der gemeinnützigen Organisation Lives in the Balance. Auch das Buch zum selben Ansatz für Klinikerinnen und Kliniker, Treating Explosive Kids (mit Ablon, 2005), stammt von ihm.
Es gibt eine Namensfrage, die man kennen sollte. Greene nannte das Modell zuerst „Collaborative Problem Solving“, heute nennt er es „Collaborative & Proactive Solutions“ (CPS). Er sagt, er habe keine Verbindung zu einer anderen Organisation, die den alten Namen vermarktet, und billige deren Arbeit nicht. In älteren Auflagen und älteren Fachartikeln taucht der alte Name auf, deshalb muss man die beiden Namen als zwei Phasen desselben Modells lesen.
Die Ausgangsidee
Die These des Buches steht klar in der Verlagsbeschreibung: Explodierende Kinder sind nicht böse, und ihre Eltern sind auch nicht schlecht. Dem Kind fehlt eine Fähigkeit, nämlich Flexibilität, Frustrationstoleranz und Problemlösen. Vernünftiges Zureden, Programme zur Verhaltensänderung, Therapie und Medikamente reichen oft nicht, weil keines davon diese fehlende Fähigkeit direkt beibringt.
Diese Idee hat einen Satz, und so heißt auch das zweite Kapitel: Children Do Well If They Can. Das Kind würde es also tun, wenn es könnte. Greene vergleicht das mit unserem Umgang mit einem Kind, das Schwierigkeiten beim Lesen hat. Einem Kind, das nicht lesen kann, sagen wir nicht „streng dich mehr an“, wir schauen, warum es nicht lesen kann. Er sagt, dass wir einem Kind, das sich nicht flexibel verhalten kann, dieselbe Geduld entgegenbringen sollten.
Man sollte es nicht als ADHS-Buch lesen. In den Zusammenfassungen von Leserinnen und Lesern wird betont, dass Diagnosen wie ADHS oder bipolare Störung nicht sagen, welche Denkfähigkeit dem Kind fehlt. Das Buch schaut unabhängig von der Diagnose auf die Fähigkeit hinter dem Verhalten. Deshalb nützt es auch Eltern eines Kindes mit ADHS, aber anders als der Rest des Regals erklärt es nicht ADHS selbst.
Inhaltsverzeichnis: die ersten fünf Kapitel
Das Inhaltsverzeichnis, das mir vorliegt, gehört zur Ausgabe von HarperCollins mit der ISBN 9780060779399 und zeigt einen Aufbau aus zwölf Kapiteln. Ob die Kapiteltitel der Ausgabe von 2021 genau dieselben sind, konnte ich nicht überprüfen. In einem älteren Inhaltsverzeichnis, das als zweite Auflage geführt wird, tragen die meisten Kapitel andere Titel (Terrible Beyond Two, Corrective Lenses, Basket Case, Roadmaps), das Buch hat sich also beim Neuschreiben verändert. Ich vermute, dass Basket Case mit dem alten Namen von Plan B zu tun hat, der mit Körben arbeitete, aber überprüfen konnte ich das nicht.
Das Eröffnungskapitel The Waffle Episode ist der erste Fall des Buches. Laut den Zusammenfassungen von Leserinnen und Lesern beschreibt dieses Kapitel die Reaktion eines Kindes, das von seinem eigenen Plan zu dem Plan eines anderen wechseln soll. Das folgende Kapitel Children Do Well If They Can legt das Prinzip fest.
Das dritte und vierte Kapitel, Pathways and Triggers und Pathways and Triggers Brought to Life, sind die Landkarte des Buches. Die Fähigkeitsbereiche, die in den Zusammenfassungen als „Pfade“ auftauchen, sind: exekutive Funktionen, Sprachverarbeitung, Emotionsregulation, kognitive Flexibilität und soziale Fähigkeiten. Auslöser sind dagegen ungelöste Probleme, die routinemäßig eine Explosion in Gang setzen: Hausaufgaben, Übergänge, Essen, Schlaf, Streit unter Geschwistern. Das vierte Kapitel macht diese Landkarte an vier Kindern lebendig.
Hier deckt sich die Sprache des Buches fast mit dem Glossareintrag exekutive Funktionen auf dieser Seite. Ich denke, die Sprache von „Pfad und Auslöser“ ist die ältere Form dessen, was im heutigen CPS-Gebrauch „fehlende Fähigkeiten und ungelöste Probleme“ heißt. Diese Zuordnung stammt von mir, sie ist keine am Buch überprüfte Verbindung.
Das fünfte Kapitel, The Truth About Consequences, umfasst zwölf Seiten. Laut einer Leserzusammenfassung zählt das Kapitel zuerst die sechs Elemente des klassischen Verhaltensmanagements auf (viel positive Aufmerksamkeit, weniger und klare Anweisungen, Durchsetzen, ein Punktesystem, Belohnung und Strafe, nicht nachgeben). Es räumt ein, dass das in manchen Familien funktioniert, sagt aber, dass es bei manchen Kindern die Explosionen verstärkt, weil es keine Flexibilität lehrt. Laut Greene leisten Konsequenzen nur zwei Dinge: Richtig und Falsch beibringen und motivieren. Das explodierende Kind kennt die Regel bereits und will dem Unbehagen entkommen, die Strafe fügt also nichts hinzu.
Plan B und die beiden Kapitel in der Mitte
Das Gewicht des Buches liegt genau in der Mitte. Plan B hat sechsundvierzig Seiten, das gleich danach folgende Learning Curves ebenfalls sechsundvierzig. In dem Buch mit zwölf Kapiteln entfällt also ungefähr ein Drittel der Seiten auf dieses Paar. Die Pläne sind folgende: Plan A heißt, das Problem einseitig zu lösen, indem der Erwachsene seinen Willen durchsetzt. Plan C heißt, die Erwartung vorerst zurückzustellen. Plan B heißt, das Problem gemeinsam mit dem Kind und im Voraus zu lösen.
Die drei Schritte von Plan B sehen in Greenes eigenen Materialien so aus: zuerst ein Empathieschritt, bei dem das Kind erzählen kann, was an der Sache schwierig ist, dann der Schritt, in dem der Erwachsene seine Sorge darlegt, und zuletzt die Einladung, eine Lösung zu suchen, die beide wirklich umsetzen können und die beide zufriedenstellt. Die Leserzusammenfassungen unterscheiden zwei Anwendungen: den proaktiven Plan B in ruhigen Zeiten und den Notfall-Plan B, wenn das Kind kurz vor dem Siedepunkt steht.
Ich halte Plan C für die beste Idee des Buches. Er stellt Eltern, die versuchen, alles gleichzeitig in Ordnung zu bringen, die Option „lass das vorerst“ als legitimen Zug zur Verfügung. Als jemand mit juristischer Ausbildung erinnert mich das Gerüst von Plan B an eine Mediationssitzung: zuerst die Sorgen der Parteien, dann eine gemeinsame Lösung.
Was das Kapitel Learning Curves erzählt, konnte ich nicht überprüfen. Aus Titel und Umfang schließe ich, dass es ein Anwendungskapitel ist, das zeigt, wo Plan B in der Praxis greift und wo nicht, aber das ist nur eine Vermutung.
Die letzten Kapitel: Fähigkeit, Familie, Medikamente, Klassenzimmer
Teach Your Children Well hat achtundzwanzig Seiten, und der Titel verweist auf das Vermitteln von Fähigkeiten. Family Matters hat sechsundzwanzig Seiten; aus dem Titel schließe ich, dass es um die Beziehungen innerhalb der Familie geht, Einzelheiten konnte ich nicht sehen. Better Living Through Chemicals hat nur zwölf Seiten. So viel Raum bekommt das Thema Medikamente, und was das Buch über Medikamente sagt, konnte ich über das Inhaltsverzeichnis hinaus nicht überprüfen. The Plan B Classroom hat achtundzwanzig Seiten, ein eigenes Kapitel für Lehrkräfte. Das letzte Kapitel, Now Is the Time, hat sechs Seiten.
Dass es ein Kapitel zum Klassenzimmer gibt, ist wichtig. Greenes Organisation sagt, dass das Modell in Schulen, psychiatrischen Stationen und Jugendhaftanstalten eingesetzt wird.
Die größten Stärken
Erstens verändert es die Richtung der Schuld. Als Erwachsene mit ADHS denke ich, dass der eigentliche Satz dieses Buches einer ist, den wir genauso zu uns selbst sagen können wie zu Kindern. Wenn ich etwas nicht kann, liegt es vielleicht nicht an Unwillen, sondern an einer fehlenden Fähigkeit. Genau hier greift der Mechanismus, den ich im Artikel über Scham und Selbstmitgefühl beschrieben habe: Das Kind, das ständig korrigiert wird, hält sich für fehlerhaft.
Zweitens beschuldigt es auch die Eltern nicht. Drittens gibt es ein konkretes Werkzeug an die Hand. „Zeig deinem Kind gegenüber Empathie“ ist leicht gesagt. Plan B dagegen legt die Reihenfolge fest, was man zuerst fragt und was man danach sagt. Das ist mir wichtig, denn bei ADHS ist guter Wille meist nicht das Problem, es fehlen Reihenfolge und Struktur.
Viertens sieht das Buch die Explosion nicht als moralische Frage, sondern als ein planbares Problem. Wenn bekannt ist, welches Problem die Explosion auslöst, kann man vorher darüber sprechen, und was das Kind im Gespräch sagt, wird zum Rohstoff der Lösung. Die Antwort des Buches auf die Frage „was tut man in dem Moment“, die ich im Artikel über Wutausbrüche auf dieser Seite behandelt habe, ist meiner Meinung nach das Gespräch vor der Explosion.
Schwächen und Evidenz
Die Evidenzlage muss ich ehrlich darlegen, denn die Popularität des Buches ist der Evidenz vorausgeeilt.
Die bekannteste randomisierte Studie ist die von Ollendick und Kollegen (Greene gehört zu den Autoren): 134 Kinder zwischen sieben und vierzehn Jahren mit oppositioneller Störung wurden CPS, einem Elterntraining zum Verhaltensmanagement oder einer Warteliste zugeteilt. Die beiden aktiven Behandlungen schnitten besser ab als die Warteliste und unterschieden sich nicht voneinander. Bei beiden erfüllte etwa die Hälfte der Kinder am Ende der Behandlung die Diagnosekriterien nicht mehr. Die Studie zeigt also nicht die Überlegenheit von CPS, sondern seine Ähnlichkeit mit der anderen Behandlung. Auch die Einschränkungen, die die Autoren selbst nennen, sind deutlich: Die Wartegruppe schrumpfte auf elf Personen und wurde geschlossen, weil es überhaupt keine Verbesserung gab, in jedem Arm gab es etwa zwanzig Prozent Ausfälle, die Stichprobe war überwiegend weiß und aus der Mittelschicht, eine lange Nachbeobachtung gibt es nicht. Das zum Vergleich herangezogene Elterntraining war zudem aus Barkleys Programm adaptiert.
Greenes Studie von 2004 wurde mit 47 Kindern durchgeführt und hatte eine kurze Nachbeobachtung. Die australische Studie von 2023 mit 160 Jugendlichen ergab ähnliche Ergebnisse, eine Gruppe mit Standardversorgung gab es nicht. Für Reizbarkeit gibt es eine Pilotstudie mit zwölf Personen. Eine Bewertungsseite, die Evidenz sammelt, zählt auch die gemeinsamen Einschränkungen auf: kleine Stichproben, ähnliche Demografie, hohe Ausfallquoten, kurze Nachbeobachtung.
Noch zwei Punkte. Diese Studien haben nicht das Lesen des Buches getestet, sondern ein zwölfwöchiges Programm, das mit einer Klinikerin oder einem Kliniker durchgeführt wurde. Eine Studie, die die Wirkung des Buches allein testet, habe ich nicht gesehen. Außerdem sind die Zielgruppe der Studien Kinder mit oppositioneller Störung, nicht Kinder mit ADHS. Die Anwendung bei ADHS ist eine Schlussfolgerung. Wie ich im Artikel über Elterntrainingsprogramme auf dieser Seite beschrieben habe, ist verhaltensorientiertes Elterntraining bei Kindern mit ADHS eine der Behandlungen der ersten Stufe, die Entscheidung über Medikamente wird dagegen in jedem Fall mit der Ärztin oder dem Arzt getroffen. Greenes Modell ersetzt diese nicht.
In den Leserzusammenfassungen taucht auch die Kritik auf, die Methode sei zeitaufwendig. Ich finde, zu Recht: Plan B braucht eine ruhige halbe Stunde, und Eltern mit ADHS haben diese halbe Stunde nicht immer.
Für wen, für wen nicht
Für Eltern, Lehrkräfte und Kliniker eines Kindes, das bei einer kleinen Veränderung, einer Anweisung oder einem Hindernis immer wieder explodiert. Bei heftigen oder sicherheitsgefährdenden Ausbrüchen reicht das Buch allein nicht, dann muss man mit einer Fachperson arbeiten.
Nicht für Eltern, die ein schnelles Belohnungssystem suchen. Dafür passt der Artikel über das Belohnungssystem auf dieser Seite besser. Und auch nicht für jemanden, der eine Einführung sucht, die erklärt, was ADHS ist.
Sein Platz im Regal
Im Regal schauen die Elternbücher von drei Seiten auf das Thema. Barkleys Buch DEHB ile Baş Edebilme (Taking Charge of ADHD) ist das dicke Nachschlagewerk zum verhaltensorientierten Elterntraining. Die kurze Fassung ist 12 Principles. Hallowells und Jensens Buch Superparenting for ADD beginnt mit Liebe. Greene unterscheidet sich von allen dreien: Statt ein System aus Belohnung und Strafe aufzubauen, fragt er, warum dieses System nicht funktioniert.
Hier gibt es eine kleine Spannung, und ich will sie nicht verstecken. Der Artikel über die Token-Tabelle auf dieser Seite beschreibt das Belohnungssystem als Teil des verhaltensorientierten Elterntrainings, Greenes Kapitel The Truth About Consequences dagegen steht Belohnungs- und Strafsystemen distanziert gegenüber. Schaut man auf die Evidenz, zeigt die Ollendick-Studie, dass beide bei oppositioneller Störung ähnliche Ergebnisse liefern. Deshalb lese ich die beiden nicht als Rivalen, sondern als verschiedene Türen: Die eine strukturiert das Verhalten, die andere zielt im Gespräch auf die fehlende Fähigkeit. Welche zu welchem Kind passt, entscheiden die Person, die das Kind kennt, und die Klinikerin oder der Kliniker.
Auch jemand, der keine Kinder hat, das Buch aber als Erwachsener mit ADHS liest, kann davon profitieren. Die drei Schritte von Plan B lassen sich auch auf einen Arbeitskonflikt zwischen zwei Erwachsenen oder auf Reibereien mit einer Mitbewohnerin übertragen. Das ist meine Deutung, das Buch schlägt eine solche Verwendung nicht vor.
Wenn du in der Schule mit der Klassenlehrerin arbeitest, passt der Artikel Gespräch mit der Lehrkraft gut dazu.
Meine Haltung
Der Wert des Buches liegt nicht in seiner Technik, sondern darin, dass es den Satz des Problems verändert: statt „warum macht es das nicht“ lautet er „was fehlt“. Seine Evidenz ist kleiner als sein Anspruch, aber die Frage, die es stellt, ist die richtige Frage. Ich würde es nicht anstelle der Belohnungstabelle, sondern neben sie stellen.