Quiet
Cain beschreibt Introversion nicht als Fehler, den man beheben muss, sondern als Arbeitsweise, die Verteidigung verdient. Auch wo die Belege dünn sind, hörenswert.
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Quiet: The Power of Introverts in a World That Can't Stop Talking erschien im Januar 2012 bei Crown. Die Seitenzahl hängt von der Ausgabe ab: Auf der Verlagsseite hat die gebundene Ausgabe 352 Seiten, das Taschenbuch 368; in Bibliothekskatalogen stehen 333.
Auf Türkisch ist es unter dem Titel Sessiz: Konuşmadan Duramayan Bir Dünyada İçe Dönüklerin Gücü bei Pegasus Yayınları erschienen, übersetzt von İdil Çetin. Auf der Seite von Kitapyurdu stehen 424 Seiten und 2021, im Katalog einer Universitätsbibliothek das Jahr 2020. An die Kapitelüberschriften der türkischen Ausgabe bin ich nicht herangekommen; deshalb gebe ich die Kapitelnamen unten in der Originalfassung an.
Eines sage ich gleich zu Beginn. Dieser Text stützt sich auf das Inhaltsverzeichnis des Buchs, die Verlagsbeschreibung und veröffentlichte Rezensionen. Ich behaupte nicht, das Buch Seite für Seite gelesen zu haben, und deshalb beginnen die Bewertungen unten auch mit „meiner Meinung nach“.
Wer ist Susan Cain
Cain hat in Princeton und an der Harvard Law School studiert, lange Jahre als Anwältin an der Wall Street gearbeitet und ist dann in die Verhandlungsberatung gewechselt. Dieser Hintergrund ist wichtig, um die Methode des Buchs zu verstehen. Sie ist keine Sozialwissenschaftlerin, sondern jemand aus der Welt von Recht und Wirtschaft, der sich in der Redekultur dieser Welt fremd gefühlt hat.
Das Buch ist das Ergebnis von etwa sieben Jahren Arbeit. Ihr TED-Vortrag aus demselben Jahr erreichte ebenfalls ein breites Publikum. 2012 wurde das Buch von den Goodreads-Lesern zum besten Sachbuch des Jahres gewählt, im folgenden Jahr kam es auf die Finalistenliste der Carnegie Medal. Später erschien auch eine Fassung für Jugendliche (Quiet Power, 2016).
Ihren juristischen Hintergrund nehme ich ernst. Als Anwältin reiht sie Beweise auf, hört die Gegenseite an und baut dann ihren eigenen Fall auf. Die guten und schlechten Folgen davon sieht man überall im Buch.
Die Ausgangsidee
Die zentrale These des Buchs lautet: Westliche Gesellschaften, vor allem Amerika, sind im zwanzigsten Jahrhundert von einer „Kultur des Charakters“ zu einer „Kultur der Persönlichkeit“ übergegangen. Früher habe man einen Menschen danach bewertet, wie er im Inneren ist. Dann wurde zum Maßstab, wie er nach außen wirkt, wie locker er redet, wie sympathisch er ist.
Cain sagt, dass dieser Wandel in der Schule, im Beruf und in der Kirche zum selben Ergebnis geführt hat: Wer gesprächig ist, gilt als kompetent, wer still ist, als mangelhaft. Das „Extrovert Ideal“ im Namen des ersten Teils ist der Name dafür. Cain hat drei Orte besucht, die sie als Zentren dieses Ideals betrachtet: ein Seminar von Tony Robbins, die Harvard Business School und eine Megakirche. Dort hat sie beobachtet, wie schwer es Introvertierte haben.
Das Interessante an dieser Idee ist, dass sie nicht nur „Introvertierte sind gut“ sagt. Sie widerspricht nicht einem Menschentyp, sondern einem gesellschaftlichen Maßstab. Ich halte diese Unterscheidung für die stärkste Stelle des Buchs, weil sie sich verteidigen lässt, ohne jemanden an die Stelle eines anderen zu setzen.
Innenseiten: erster Teil
Das Buch beginnt mit einer Vorbemerkung und einer Einleitung namens „The North and South of Temperament“, danach ist es in vier Teile gegliedert.
Part One: The Extrovert Ideal besteht aus drei Kapiteln. Das erste, „The Rise of the 'Mighty Likeable Fellow'“, erzählt, wie Extraversion zum kulturellen Ideal wurde. Der Einfluss von Dale Carnegie ist einer der Namen, die in diesem Teil fallen.
Das zweite Kapitel, „The Myth of Charismatic Leadership“, handelt von Führung. Es stellt einen Gedanken infrage, den hundert Jahre Persönlichkeitskultur hinterlassen haben: die Vorstellung, dass eine Führungskraft immer charismatisch sein muss.
Das dritte heißt „When Collaboration Kills Creativity“, und dieser Titel spricht die These des Buchs am deutlichsten aus. Es erzählt vom Aufstieg des neuen Gruppendenkens und von der Kraft des Alleinarbeitens. Brainstorming, Großraumbüro und das Beharren auf Teamarbeit werden in diesem Rahmen diskutiert.
Innenseiten: zweiter Teil
Part Two: Your Biology, Your Self? ist der Teil, der die wissenschaftlichen Behauptungen des Buchs trägt. Er hat vier Kapitel.
„Is Temperament Destiny?“ fragt, ob das Temperament Schicksal ist; im Untertitel tauchen Anlage, Erziehung und die Orchideen-Hypothese auf. Auch die Arbeiten des Entwicklungspsychologen Jerome Kagan nehmen im Buch einen wichtigen Platz ein: die Idee, dass sehr reaktive Babys als Erwachsene eher zur Introversion neigen.
„Beyond Temperament“ wiederum schaut auf die Frage des Willens, und sein Untertitel verspricht Introvertierten das Geheimnis des öffentlichen Redens. Bei dieser Frage übernimmt Cain Brian Littles Theorie der „freien Merkmale“: Ein introvertierter Mensch kann sich für ein Ziel, das ihm wichtig ist, extravertiert verhalten, muss sich danach aber einen Erholungsraum suchen, mit den Worten des Buchs „Erholungsnischen“.
Der Titel des dritten Kapitels lautet „Franklin was a politician, but Eleanor spoke out of conscience“; sein Untertitel sagt, dass „cool“ zu sein überbewertet wird. Das vierte, „Why did Wall Street crash and Warren Buffett prosper?“, schaut darauf, wie Dopamin bei Introvertierten und Extravertierten wirkt und wie beide Gruppen denken. Es heißt, das Buch vertrete die Ansicht, dass hinter der Krise von 2008 auch ein Temperamentsunterschied stecken könnte. Das sollte man eher als Lesevorschlag nehmen denn als nachgewiesene Kausalität.
Innenseiten: dritter und vierter Teil
Part Three: Do All Cultures Have an Extrovert Ideal? besteht aus einem einzigen Kapitel: „Soft Power“. Es geht um asiatischstämmige Amerikaner und das Ideal der Extraversion. Das ist auch die am stärksten kritisierte Stelle des Buchs, dazu komme ich unten zurück.
Part Four: How to Love, How to Work ist der praktische Teil des Buchs. „When Should You Act More Extroverted Than You Really Are?“ fragt, wann man eine Rolle spielen sollte. „The Communication Gap“ erklärt, wie man mit jemandem vom gegensätzlichen Temperament spricht. „On Cobblers and Generals“ wiederum erzählt, wie man stille Kinder in einer Welt großzieht, die sie nicht hören kann.
Das Buch endet mit einem Schlusskapitel namens „Wonderland“ und zwei kurzen Anmerkungen. Die eine ist der Widmung gewidmet, die andere den Wörtern „introvert“ und „extrovert“. Das wirkt wie die Anmerkung einer Autorin, die weiß, dass schon die Definition selbst umstritten ist.
Die stärksten Seiten
Erstens, dass es den Maßstab zur Diskussion stellt. Es versucht niemanden umzuwandeln, sagt nicht „sei auch so“. Es erkennt an, dass eine Arbeitsweise nicht allen gleich gut passen muss und dass der Unterschied von der Persönlichkeit kommen kann.
Zweitens, dass es auf den Einfluss der Umgebung aufmerksam macht. Mit konkreten Studien zeigt es, dass Großraumbüro und Dauermeetings für manche Menschen einen Preis haben. Der Möbelhersteller Steelcase hat 2014 mit Cain zusammengearbeitet und seinen Bürokonzepten stille Bereiche hinzugefügt. Der Text ADHS und Großraumbüro auf dieser Seite betrachtet dasselbe Problem von der ADHS-Seite aus.
Drittens, dass es das Alleinsein als Bedingung kreativer Arbeit verteidigt. Das kommt aus derselben Wurzel wie die Idee des Zimmers in Virginia Woolfs Buch Kendine Ait Bir Oda: Zum Denken braucht man Raum. Man kann es auch gut zusammen mit Cal Newports Buch Derin Çalışma lesen. Beide kommen durch verschiedene Türen herein und sagen, dass man der Aufmerksamkeit Raum geben muss.
Viertens, die Idee der „Erholungsnische“. Dass es sagt, Rollenspiel habe einen Preis und dieser Preis lasse sich bezahlen, finde ich fair. Es ist nah an der Idee, die ich im Text Die soziale Batterie bei ADHS beschrieben habe: Menschen zu mögen heißt nicht, von ihnen nicht müde zu werden.
Schwächen und Kritik
Judith Warners Rezension in der New York Times fiel gemischt aus. Sie fand das Buch lang und mit schwerem Ernst geschrieben und sagte, es stütze sich zu sehr auf Slogans. Außerdem argumentierte sie, die Definition der Introversion sei so weit geworden, dass sie fast alle positiven Eigenschaften einschließe. Diesen Einwand nehme ich ernst. Im Buch erscheinen Introvertierte als nachdenklich, aufmerksam, kreativ, gewissenhaft. Eine Definition, die alles einschließt, unterscheidet am Ende nichts mehr.
Elaine Aron, Autorin von The Highly Sensitive Person, sagte, Cain beschreibe eigentlich nicht Introvertierte, sondern hochsensible Menschen. Laut Aron sind etwa dreißig Prozent der hochsensiblen Menschen sozial und extravertiert. Diese Debatte fragt, wo die begriffliche Grenze des Buchs verläuft, und meiner Meinung nach ist das eine berechtigte Frage.
Das Kapitel „Soft Power“ bekam die härteste Kritik. Jenny Lee schrieb im Magazin Hyphen, das Kapitel verfestige den Mythos der „Modellminderheit“. Auch der Harvard Independent stellte fest, die Verallgemeinerungen seien fehlerhaft. Eine Kultur über ein einziges Temperamentsideal zu beschreiben, widerspricht der eigenen Sensibilität des Buchs.
David DiSalvo sagte in Forbes, die Popularität des Buchs habe zu oberflächlichen Schlussfolgerungen und zu einer „sektenartigen“ Nähe zur Introversion geführt. Meiner Meinung nach ist eine Autorin nicht vollständig dafür verantwortlich, wie das, was sie hervorgebracht hat, später benutzt wird, aber unberechtigt ist diese Warnung auch nicht.
Zuletzt muss man beim Evidenzniveau ehrlich sein. Das ist ein populärwissenschaftliches Buch. Der Befund, dass Brainstorming weniger ergiebig ist als allein zu denken, steht seit vielen Jahren in der Literatur, aber die Teile über die Biologie des Temperaments und über Dopamin sollte man vorsichtiger lesen. Das Buch benutzt die Wissenschaft, um eine These aufzubauen, es prüft die These nicht an der Wissenschaft.
Für wen, für wen nicht
Eine gute Lektüre für jemanden, der bei der Arbeit oder in der Schule unzählige Male den Satz „Rede mehr, sei sichtbarer“ gehört hat und nicht erklären konnte, warum das so anstrengend ist. Auch für alle, die Chefin, Führungskraft oder Lehrer sind. Eine stille Mitarbeiterin oder einen stillen Schüler falsch zu lesen, ist leicht, und das Buch macht das sichtbar.
Was die Art des Lesens angeht, ist meiner Meinung nach die Reihenfolge wichtig. Das ist ein Buch mit über dreihundert Seiten; der erste Teil baut die These auf, der vierte Teil kehrt ins Alltagsleben zurück. Wenn deine Zeit knapp ist, kannst du Part One und Part Four lesen und den Biologieteil in der Mitte auf später verschieben, denn der praktische Wert des Buchs scheint sich dort zu konzentrieren. Wenn dich die Biologie interessiert, muss man diesen Teil mitsamt seinem Literaturverzeichnis lesen und dabei eins nach dem anderen prüfen.
Wer die Persönlichkeit anderer klassifizieren will, bekommt dagegen nicht viel. Cains Definition ist locker, die Grenzen der Kategorien sind verschwommen. In der Persönlichkeitspsychologie gilt Extraversion meist als eine einzige kontinuierliche Dimension, „zwei Typen von Menschen“ ist eine grobe Abkürzung.
Auch für ADHS-Leser muss ich einen Hinweis setzen. Das Buch handelt nicht von ADHS. Man sollte Introversion nicht mit ADHS verwechseln: In sozialen Situationen müde zu werden oder sich im Meeting schwerzutun, das Wort zu ergreifen, kann in beiden Fällen vorkommen, aber die Ursachen können verschieden sein. Ein Mensch mit ADHS, der maskiert, und ein Introvertierter, der eine „Erholungsnische“ sucht, können dieselben Sätze sagen. Deshalb ist es sinnvoll, das Buch nicht als Erklärung von ADHS zu lesen, sondern als Sprachquelle über Umgebung und Energie.
Es gibt auch eine Spannung. Cain verteidigt das Alleinarbeiten. Bei ADHS hilft es dagegen oft, still neben jemand anderem zu arbeiten; das habe ich im Text über Body Doubling beschrieben. Die beiden widersprechen sich nicht, denn nebeneinanderzusitzen heißt nicht, miteinander zu interagieren. Aber diesen Unterschied zeigt das Buch nicht, die Leserin muss ihn selbst herstellen.
Sein Platz im Regal
Im Regal steht es an einer eigenen Stelle. Die meisten ADHS-Bücher erzählen von Symptomen und Bewältigungsstrategien. Quiet dagegen fragt, für wen eine Arbeitsumgebung eingerichtet ist. Meiner Meinung nach ergänzen sich diese Dinge.
Was es über Gruppenarbeit sagt, lohnt sich für Studierende mit ADHS zusammen mit dem Text über Gruppenarbeiten zu lesen. Dort ist das Problem vielleicht nicht die Persönlichkeit, sondern Aufmerksamkeit und Zeitmanagement, aber der gemeinsame Nenner ist, dass Gruppenarbeit nicht allen gleich gut passt.
Zum Schluss
Das Wertvollste an diesem Buch ist nicht, dass es einen Persönlichkeitstyp verherrlicht, sondern dass es einen Maßstab hinterfragt. Zu sagen, dass Stille kein Mangel ist, ist leicht; es mit der Gründlichkeit einer Anwältin zu belegen, nicht. Cain gelingt das zum großen Teil, aber sie legt ihre Beweise nicht immer mit derselben Solidität vor. An meiner Stelle würde ich die ersten beiden Teile und den vierten Teil der Reihe nach lesen und die Biologiebehauptungen im zweiten Teil als Hypothese aufnehmen.