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Cansus ADHS-Tagebuch
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Dağınık Zihinler (Scattered Minds)

Mit seiner Güte hat es mich gepackt, mit dem Beiseiteschieben der Vererbung verloren. Wer beides im Kopf halten kann, gewinnt viel; sonst kann es schaden.

Gabor Maté10 Min. LesezeitLang

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Gabor Maté veröffentlichte dieses Buch 1999. Die erste Ausgabe erschien in Kanada bei Knopf Canada unter dem Titel Scattered Minds, etwa zur selben Zeit wurde es in den USA unter dem Titel Scattered: How Attention Deficit Disorder Originates and What You Can Do About It gedruckt. Jahre später brachten es Vermilion in Großbritannien (2019) und Avery in den USA (2023) wieder unter dem Titel Scattered Minds heraus.

Es gibt eine türkische Ausgabe: Dağınık Zihinler, Hep Kitap, übersetzt von Engin Süren. Den Eintrag habe ich bei Kitapyurdu und auf der Website des Verlags selbst gesehen. Im türkischen Werbetext wird die Störung „DEB“ genannt; das bewahrt die Sprache der Entstehungszeit des Buchs.

Ein Arzt, der mit seiner eigenen Zerstreutheit schreibt

Maté schreibt nicht als Psychiater; er ist ein Arzt, der viele Jahre in Vancouver praktiziert und in der Palliativversorgung gearbeitet hat. Die Diagnose bekam er mit Anfang fünfzig, und alle drei seiner Kinder sind ebenfalls diagnostiziert.

Diese Information durchzieht jede Seite des Buchs. Du liest kein klinisches Handbuch, du liest, wie ein Vater und ein Patient versuchen, ihr eigenes Leben zu verstehen. Seine eigene Diagnose und seine Beziehung zu seinen Kindern begegnen dir zwischen den Fallerzählungen immer wieder.

Das hat mich beim Lesen zuerst gepackt. Er spricht nicht von oben herab. Er legt auch sich selbst auf den Tisch.

Dann ist da das Schreiben. Maté ist ein guter Autor. Seine Sätze fließen, er baut Fälle wie Szenen auf, er kann eine wissenschaftliche Behauptung an einen stillen Moment zwischen einer Mutter und ihrem Baby binden. Das ist einer der Gründe, warum dieses Buch so wirkungsvoll ist. Seine Überzeugungskraft ist größer als die Kraft der Evidenz.

Ein Thesenbuch in sieben Teilen

Das Buch besteht aus sieben Teilen. Zuerst wird erzählt, was Aufmerksamkeitsdefizit ist. Danach kommt, wie sich das Gehirn entwickelt und wie die Schaltkreise und die Chemie, die mit Aufmerksamkeit zu tun haben, geformt werden. Der dritte Teil sucht die Wurzeln der Störung in Familie und Gesellschaft. Der vierte Teil deutet, was die ADHS-Merkmale bedeuten. Der fünfte Teil ist dem Kind gewidmet, der sechste dem Erwachsenen. Mit einem kurzen Schluss endet es.

Diese Reihenfolge ist wichtig, denn das Buch geht nicht wie eine Wissenssammlung vor. Es baut eine Behauptung auf, und jeder Teil trägt diese Behauptung einen Schritt weiter.

Die Behauptung lautet: ADHS ist eine Entwicklungsverzögerung, bei der sich die für Emotionsregulation und Aufmerksamkeitskontrolle zuständigen Schaltkreise im Gehirn im Säuglingsalter nicht ausreichend entwickeln konnten. Was diese Entwicklung stört, ist Umweltstress: die Angst der Bezugsperson, der Druck auf der Familie, die Last, die die Gesellschaft der Familie überlässt. Maté sieht das als umkehrbaren Zustand.

Abstimmung, Empfindsamkeit, Gegenwille

Im Zentrum des Buchs stehen einige Begriffe, und die sind wirklich bedenkenswert.

Abstimmung (attunement). Der emotionale Gleichklang zwischen Baby und Bezugsperson. In dem Maß, in dem die Bezugsperson den inneren Zustand des Babys liest und darauf antwortet, lernt das Gehirn des Babys, seinen eigenen Zustand zu regulieren. Nach Maté stockt auch die Regulation von Aufmerksamkeit und Emotion, wenn dieser Gleichklang unter Stress gestört wird.

Empfindsamkeit. Maté beschreibt Kinder mit ADHS als Kinder mit angeborener hoher Empfindsamkeit. In demselben Zuhause wird dieses Kind beeinflusst, während das Geschwisterkind unberührt bleibt. Auch das Abschweifen ist für ihn eine Art Abschalten, eine Flucht vor einem zu starken emotionalen Reiz.

Gegenwille (counterwill). Das reflexhafte Widerstehen eines Menschen, der sich kontrolliert fühlt. Maté benutzt diesen Begriff, um die Sturheit von Kindern mit ADHS zu erklären, und empfiehlt den Eltern, statt den Druck zu erhöhen die Beziehung zu stärken. Denselben Begriff behandelt er ausführlicher in Çocuklarınıza Tutunun (Hold On to Your Kids), das er gemeinsam mit dem Entwicklungspsychologen Gordon Neufeld geschrieben hat und das auf Türkisch ebenfalls bei Hep Kitap erschienen ist.

Jeder dieser drei Begriffe hilft, auf das Verhalten eines Kindes oder eines Erwachsenen mitfühlender zu schauen. Das Problem beginnt damit, dass sie als kausale Erklärung vorgestellt werden.

Wo ich bei der Vererbung stehen geblieben bin

Maté lehnt die Rolle der Gene nicht völlig ab. Er sieht Gene als Potenziale, die die Umwelt ein- und ausschaltet. Aber der Schwerpunkt des Buchs liegt ganz klar in der Umwelt, und auch die Diagnose seiner eigenen Kinder erklärt er nicht mit Vererbung, sondern mit dem Stress, den die Familie erlebt hat.

Hier habe ich das Buch eine Zeit lang zugeklappt.

Die heutigen Daten passen nicht zu dieser Lesart. Der Überblick von Faraone und Larsson von 2019 nennt auf Grundlage von Zwillingsstudien eine Erblichkeit von etwa 74 Prozent. Das ist eine der höchsten Raten der Psychiatrie. Außerdem lässt sich ein Teil des Zusammenhangs zwischen der Angst der Eltern und den Symptomen des Kindes dadurch erklären, dass die Eltern selbst ADHS haben: Dieselben Gene können ein ängstliches, unordentliches Zuhause und ein Kind mit Aufmerksamkeitsschwierigkeiten hervorbringen.

Längsschnittstudien zeigen noch etwas: ADHS-Symptome erhöhen über Impulsivität und Risikobereitschaft die Wahrscheinlichkeit, belastenden Erfahrungen ausgesetzt zu sein. Der Pfeil wirkt also oft auch in die Gegenrichtung.

Der Psychologe Nick Haslam wies 2023 in einer Einschätzung in The Conversation genau auf diesen Punkt hin: Maté verlange für biologische Erklärungen einen sehr hohen Evidenzstandard, für die Traumaerklärung genüge ihm dagegen ein schwacher Zusammenhang. Haslam erkennt auch an, dass Trauma in der Psychiatrie lange vernachlässigt wurde; sein Einwand ist, dass nun umgekehrt ein ebenso vereinfachtes Bild aufgebaut werde.

Auch ich bleibe hier stehen. Trauma hat im Leben von Menschen mit ADHS einen realen Platz, und beide Bilder können zusammen auftreten. Die Einzelheiten habe ich im Beitrag ADHS oder Trauma behandelt. Aber das eine zum Grund des anderen zu erklären, heißt, an den Vererbungsdaten vorbeizugehen.

Das Wort „umkehrbar“

Dass Maté ADHS als umkehrbare Entwicklungsverzögerung beschreibt, ist die hoffnungsvollste und riskanteste Aussage des Buchs.

Die hoffnungsvolle Seite ist klar. Er sagt, dass sich das Gehirn ein Leben lang verändern kann und dass Beziehung und Umgebung wirklich einen Unterschied machen. Das stimmt.

Die riskante Seite ist: Langzeitstudien zeichnen ein anderes Bild. In der 2022 veröffentlichten Verlaufsstudie von Sibley und Kollegen, die von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter reichte, wurde berichtet, dass die Symptome bei den meisten Teilnehmern im Lauf der Jahre schwankten, eine anhaltende Besserung aber nur bei einer kleinen Minderheit zu sehen war.

Als diagnostizierte Erwachsene hat dieses Wort in mir zweierlei geweckt. Zuerst Erleichterung: Es gibt also kein festes Schicksal. Dann Unruhe: Und warum ist es dann immer noch nicht weg, habe ich mich nicht genug um Heilung bemüht? Das Buch stellt diese zweite Frage nicht, bringt sie aber der Leserin in den Kopf.

Der wirkliche Wert der Kapitel für Eltern

Das Buch werfe ich deshalb nicht beiseite, denn die Kapitel über Kinder funktionieren auf einer anderen Ebene sehr gut.

Maté empfiehlt Eltern, statt Verhalten mit Belohnungs- und Strafplänen zu steuern, in die Beziehung zu investieren, den Widerstand des Kindes nicht wie einen persönlichen Angriff zu lesen und die eigene Angst zu bemerken. Keine dieser Empfehlungen ist auf seine These über die Ursache von ADHS angewiesen. Ob das ADHS des Kindes genetisch ist oder nicht, tut ein ruhiger, verbundener Elternteil jedem Kind gut.

Die Gefahr: Eltern, die die These annehmen, können das Bild ihres Kindes als eigenes Versagen lesen. Einer Mutter, die ohnehin voller Schuldgefühle ist, zu sagen „dein Stress hat das verursacht“, macht es ihr auch schwerer, Unterstützung zu suchen. Das Buch sagt das nicht offen, lässt dieser Lesart aber die Tür angelehnt.

Dazu kommt eine Geschlechterfrage. In einer Welt, in der die Last der Fürsorge noch immer weitgehend auf den Müttern liegt, legt eine Erklärung, die die Abstimmung im Säuglingsalter ins Zentrum stellt, die Schuld in der Praxis am meisten den Müttern auf.

Das Erwachsenenkapitel und die Scham

Der sechste Teil war der, der mich am meisten berührt hat.

Maté liest auch ADHS bei Erwachsenen im selben Rahmen: Unerfüllte Bedürfnisse aus der Kindheit und die damit angehäufte Scham werden ins Heute getragen. Der Blick des Erwachsenen auf sich selbst ist das eigentliche Thema dieses Kapitels.

Die Sätze, die meinen Blick auf mich selbst weicher gemacht haben, stehen hier. Das jahrelange „Warum schaffst du das nicht“, mit dem man sich selbst anspricht, weicht in Matés Erzählung der Frage „Versuch zu verstehen, was fehlen geblieben ist“. Auch wenn ich der Kausalthese nicht zustimme, hat diese Neurahmung geholfen.

Die Seite, die den Vererbungsdaten widerspricht, gibt es auch hier: Die Symptome des Erwachsenen fast ganz auf die Vergangenheit zu beziehen, stellt die konkrete Unterstützung, die man heute bekommen kann, in den Hintergrund.

Bei Medikamenten maßvoller als gedacht

Dass Maté gegen Medikamente sei, ist eine oft gehörte Meinung. Im Buch sieht es etwas anders aus.

Er erkennt an, dass Medikamente bei sorgfältiger Anwendung helfen können. Sein Einwand richtet sich dagegen, dass das Medikament die einzige Intervention bleibt und dass es als Ziel gilt, das Kind in der Schule „handhabbar“ zu machen.

Ein Teil dieses Einwands ist berechtigt. Aber das Gesamtgewicht des Buchs schiebt Medikamente in die zweite Reihe und gibt der Leserin die starke Evidenz für ihre Wirksamkeit nicht ausreichend weiter. Die Entscheidung über Medikamente trifft man in jedem Fall zusammen mit der Ärztin oder dem Arzt.

Was sich in fünfundzwanzig Jahren verändert hat

Das Buch wurde in der Zeit des DSM-IV geschrieben. Das DSM-5 (2013) hob das Kriterium des Beginnalters von sieben auf zwölf an und senkte die erforderliche Symptomzahl für Erwachsene. Auch das Verständnis davon, wie ADHS bei Frauen anders aussieht, hat sich seitdem deutlich erweitert.

Auch die Werbetexte der neuen Ausgaben stellen das Buch noch immer als eines dar, das gegen die Vererbungsansicht steht. Einen Hinweis, dass die wissenschaftliche Debatte dieser fünfundzwanzig Jahre in den Text eingearbeitet wurde, habe ich nicht gefunden.

Einer der Kritikpunkte am Buch ist auch der spärliche Gebrauch von Quellen. Die Erzählung stützt sich auf Fälle und persönliche Erfahrung; an den meisten Stellen kannst du nicht unterscheiden, welche Behauptung auf welcher Studie beruht.

Steht dieses Buch in dem Regal, das die Seite kritisiert?

Ja, teilweise. Im Beitrag ADHS-Bücher, die nichts nützen hatte ich, als ich von Büchern mit einer einzigen Ursache sprach, auch die populären Bücher aufgezählt, die Trauma ins Zentrum stellen. Dağınık Zihinler ist eines der wirkungsvollsten und am besten geschriebenen Beispiele dieser Art.

Aber man muss fair sein. Maté verkauft keine billige Lösung, er vermarktet keine Diät und kein Programm. Was er vorschlägt, sind Beziehung, Aufmerksamkeit und Mitgefühl. Seine These ist schwach, seine Empfehlungen sind meist harmlos und zum Teil wertvoll.

Was mir vom Buch geblieben ist

Als ich die These beiseitelegte, blieb mir Folgendes in der Hand:

  • Bevor ich auf ein Verhalten reagiere, auf meine eigene Anspannung in diesem Moment zu schauen.
  • Wenn ich Widerstand sehe, statt den Druck zu erhöhen zu versuchen, die Beziehung zu reparieren. Das wirkt auch mir selbst gegenüber.
  • Meine Zerstreutheit manchmal als Flucht zu lesen und zu fragen, wovor ich fliehe.
  • Scham nicht als Information über meinen Charakter zu zählen, sondern als erlernte Reaktion zu sehen.

Nichts davon steht im Konflikt mit den Vererbungsdaten. Es ist möglich, die These des Buchs zu lassen und diese Empfehlungen zu nehmen, und das ist meiner Meinung nach auch die beste Art, dieses Buch zu lesen.

Wem ich es gebe, wem nicht

Einem Erwachsenen, der frisch diagnostiziert und sehr streng zu sich selbst ist, gebe ich es zusammen mit einer Quelle, die zuerst die Vererbung erklärt. Es ist ein gutes Buch, um Scham aufzulösen. Für die genetische Seite kann der Beitrag Ist ADHS erblich ausgleichend wirken.

Einem Elternteil, dessen Kind gerade diagnostiziert wurde und der voller Schuldgefühle ist, gebe ich es nicht allein. Die These des Buchs berührt die empfindlichste Stelle dieser Eltern.

Auch jemandem, für den es das erste Buch über ADHS sein wird, würde ich es nicht empfehlen. Wenn man es liest, nachdem man den Grundrahmen woanders bekommen hat, führt es viel weniger in die Irre.

Wie man es liest

Man muss es nicht von vorn bis hinten lesen, aber die ersten drei Teile sollte man nicht überspringen; ohne zu sehen, wie die These aufgebaut wird, kannst du nicht abwägen, worauf die späteren Kapitel beruhen.

Dann such dir aus, was zu dir passt: wenn du ein Kind hast, den fünften Teil, wenn du es für dich liest, den sechsten.

Ich empfehle, mit einem Stift in der Hand zu lesen. Wenn ein Satz bei dir etwas öffnet, notier es; wenn ein Satz dich fragen lässt „Das ist eine Behauptung, wo ist der Beleg“, notier das auch. In diesem Buch kommen beide oft auf derselben Seite vor.

Über die Autorin

Cansu lebt mit ADHS und schreibt diese Seite. Nichts hier ist ärztlicher Rat. Mehr über diese Seite.