Zeki ama Saplantılı (Smart but Stuck)
Das Buch, in dem ich mich auf dieser Liste am meisten wiederfand. Der türkische Titel verfehlt sein Anliegen: Die Menschen sind nicht zwanghaft, sie stecken fest.
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Der Originaltitel lautet Smart but Stuck: Emotions in Teens and Adults with ADHD. Es erschien im März 2014 bei Jossey-Bass, etwa dreihundert Seiten.
Thomas E. Brown ist klinischer Psychologe und hat in Yale promoviert. Viele Jahre war er klinischer Dozent an der Yale School of Medicine und stellvertretender Leiter der Yale Clinic for Attention and Related Disorders. 2017 zog er nach Kalifornien und gründete seine eigene Klinik. Bekannt ist er für sein auf exekutiven Funktionen beruhendes ADHS-Modell und die darauf gestützten Beurteilungsskalen. Seine Klinik ist besonders auf die Abklärung und Behandlung von Menschen mit ADHS und hohem Intelligenzniveau spezialisiert.
Es gibt eine türkische Ausgabe: Zeki ama Saplantılı: Dikkat Eksikliği/Hiperaktivite Bozukluğu (DEHB) Olan Genç ve Yetişkinler, ODTÜ Geliştirme Vakfı Yayıncılık, 2015, übersetzt von Deniz İlalan. Die Angaben habe ich bei D&R und Kitapyurdu gesehen.
Was dem Wort „stuck“ zugestoßen ist
Gegen den türkischen Titel habe ich einen Einwand, und den will ich zuerst sagen.
Das englische „stuck“ bedeutet, irgendwo hängen zu bleiben, nicht herauszukommen. Darum geht es im ganzen Buch: dass kluge, begabte Menschen in der Schule, im Beruf oder in Beziehungen an einem Punkt nicht weiterkommen und festsitzen.
„Saplantılı“ dagegen trägt im Türkischen eine andere Assoziation. Obsession, Fixierung, übermäßiges Haften an etwas. Dieses Wort kann einen Leser, der ADHS ohnehin mit einer Zwangsstörung verwechselt, noch weiter in die falsche Richtung führen.
Was das Buch eigentlich erzählt, ist fast das Gegenteil von Fixierung: sich nicht an eine wichtige Arbeit binden, sie nicht beginnen, sie nicht durchhalten können. Wenn du die türkische Ausgabe liest, empfehle ich, den Titel als „takılıp kalmış“ (hängen geblieben) zu lesen.
Um fair zu sein, füge ich hinzu: Der türkische Ankündigungstext betont, dass diese Menschen sich auf manche Interessengebiete übermäßig konzentrieren können. Es ist möglich, dass die Übersetzerin oder der Verlag mit dem Wort „saplantı“ auf diese übermäßige Konzentration hinweisen wollte. Trotzdem ist der Zustand im Zentrum des Buches das Hängenbleiben.
Ein Theoriekapitel, elf Namen, ein Ausgangskapitel
Der Aufbau des Buches ist sehr klar.
Eine Einleitung und das erste Kapitel legen Browns theoretischen Rahmen zum Verhältnis von ADHS und emotionalem Gehirn.
Vom zweiten bis zum zwölften Kapitel trägt jedes Kapitel den Namen eines Menschen: Eric, Karen, Martin, Sarah, Mike, Lisa, Steve, Sue, Matt, Lois, James. Die Verlagsankündigung spricht von fünfzehn wahren Geschichten; in manchen Kapiteln können die Geschichten mehrerer Personen ineinandergreifen. Es sind Geschichten, die von Jugendlichen bis zu berufstätigen Erwachsenen reichen und aus Browns klinischer Erfahrung stammen.
Das dreizehnte Kapitel ist dem Weg gewidmet, wie man aus dem Hängenbleiben herauskommt. Am Ende gibt es noch einen Teil mit Diskussionsfragen.
Der Schwerpunkt des Buches liegt also bei den Fällen. Ein Kapitel Theorie, ein Kapitel Lösung, dazwischen elf Menschen.
Gefühl, der Motor der Aufmerksamkeit
Browns Grundthese in diesem Buch lautet: Das Aufmerksamkeitsproblem bei ADHS lässt sich nicht von Gefühl und Motivation trennen.
Das Paradox, das wir alle kennen, ist der Ausgangspunkt dieser These. Jemand mit ADHS kann sich stundenlang auf eine Arbeit konzentrieren, die sein Interesse weckt, aber auf eine Arbeit, von der er weiß, dass sie wichtig ist, nicht einmal fünf Minuten lang schauen. Die Umgebung liest das als Unwilligkeit oder Faulheit.
Nach Brown ist die Frage nicht der Wille. Das Managementsystem des Gehirns, also die exekutiven Funktionen, entscheidet weitgehend über emotionale Bedeutung, welcher Arbeit Aufmerksamkeit gegeben wird. Wenn eine Arbeit im Augenblick Interesse, Aufregung oder Angst weckt, funktioniert das System. Wenn nicht, hat das System Mühe, in Gang zu kommen, auch wenn die Bedeutung bekannt ist.
Bei dieser Erklärung erzählt das Buch vom Verhältnis der Gefühle zum Gehirn, davon, wie bestimmte Gefühle die Aufmerksamkeit an sich reißen können und wie bei manchen Menschen Scham oder Versagensangst das Anfangen blockiert.
Hier bin ich beim Lesen am meisten stehen geblieben. Als jemand, der jahrelang den Satz „Wenn du willst, schaffst du es“ gehört hat, fand ich eine Sprache, die erklärt, warum das nicht stimmt. Das Thema hatte ich auch im Beitrag ADHS, Dopamin und Motivation aufgemacht.
Sechs Cluster
Browns Modell fasst die exekutiven Funktionen in sechs Clustern zusammen. In diesem Buch gibt es keine ausführliche Darstellung der Theorie, aber die Fälle werden anhand dieser Cluster gelesen:
- In Gang kommen: Die Arbeit organisieren, priorisieren, anfangen.
- Fokussieren: Die Aufmerksamkeit sammeln, halten, bei Bedarf auf eine andere Arbeit verlagern.
- Anstrengung: Wachheit regulieren, Anstrengung aufrechterhalten, Verarbeitungsgeschwindigkeit.
- Gefühl: Frustration und andere Gefühle regulieren.
- Gedächtnis: Das Arbeitsgedächtnis nutzen, Information bei Bedarf abrufen.
- Handeln: Das eigene Verhalten beobachten und regulieren.
Dass das Gefühl in dieser Liste als eigenes Cluster steht, ist wichtig. Das DSM-5 zählt die Schwierigkeit der Emotionsregulation nicht zu den diagnostischen Kriterien von ADHS. Aber seit dem 2014 veröffentlichten Überblick von Shaw und Kollegen wird zunehmend anerkannt, dass emotionale Dysregulation bei ADHS verbreitet ist und die Funktionsfähigkeit ernsthaft beeinträchtigt. Browns Betonung ist ein früher Hinweis darauf, wo das Fach heute angekommen ist.
Wenn dich die theoretische Seite des Modells genauer interessiert: Browns ein Jahr zuvor erschienenes Buch A New Understanding of ADHD in Children and Adults erzählt sie viel systematischer. Smart but Stuck ist wie das menschliche Gesicht dieses Modells.
Warum es mir so vertraut vorkam
Die Fallkapitel sind für mich die eigentliche Stärke des Buches.
Das Kapitel über Mike zum Beispiel ist die Geschichte eines Jugendlichen, den sein Vater immer klug, aber faul nannte, der in der Schule unter akademische Beobachtung fiel und Arbeiten erst in letzter Minute beginnen konnte. Dass er das Medikament seines Freundes ausprobiert und die Sorgen seines Vaters wegen des Medikaments gehören ebenfalls zu dieser Geschichte. In diesem Kapitel habe ich vertraute Töne meiner eigenen Pubertät gelesen.
In den anderen Kapiteln gibt es Menschen, die in Schule, Beruf und Beziehungen auf ähnliche Weise hängen geblieben sind. Brown erzählt bei jedem Fall, wo diese Person hängen bleibt, welches Muster von exekutiver Funktion und Gefühl dahintersteckt und was im Behandlungsverlauf geholfen hat.
Diese Erzählweise unterscheidet sich von den Fallerzählungen von Hallowell und Ratey. Bei ihnen führt der Fall den Leser zum Moment des Wiedererkennens. Bei Brown macht der Fall einen Mechanismus sichtbar. Als Leserin habe ich beides erlebt, aber von Brown ist mir ein Begriff in der Hand geblieben.
Beim Lesen der Fälle fiel mir noch etwas auf: Keiner löst sich auf einmal. In jeder Geschichte gibt es Verstehen, Versuchen, Zurückfallen und erneutes Versuchen. Die meisten ADHS-Bücher versprechen dem Leser einen Wendepunkt. Browns Fälle zeigen dagegen, dass Veränderung langsam und wellenförmig verläuft. Das war auch in meinem eigenen Leben die Erzählung, die der Wirklichkeit am nächsten kam, und sie half mir, mich beim nächsten Rückschlag weniger zu beschuldigen.
Die Jahre, in denen Intelligenz ein Schild war
Auch das Wort „smart“ im Titel des Buches erzählt etwas.
Intelligenz kann die Schwierigkeiten eines Menschen mit ADHS lange verdecken. In der Mittelstufe genügt es, in der letzten Nacht zu lernen, in der Oberstufe genügt es weiter, an der Universität oder im ersten Job genügt es plötzlich nicht mehr. In den Augen der Umgebung ist diese Person jemand, der sein Potenzial nicht nutzt. In den eigenen Augen auch.
In Browns Fällen begegnet dir dieses Muster immer wieder. Dieses Muster als spät diagnostizierte Erwachsene zu lesen, war, als sähe ich meine eigene Geschichte von außen. Dass die Antwort auf die Frage „Wenn ich so klug bin, warum“, die ich mir jahrelang gestellt habe, nicht in der Intelligenz gesucht werden sollte, habe ich aus diesem Buch gelernt.
Das Nicht-anfangen-Können von innen gesehen
Von den sechs Clustern habe ich mich am meisten im Cluster In-Gang-Kommen gefunden.
Für jemanden, der von außen schaut, sieht Nichtanfangen aus wie eine Entscheidung. Von innen ist es wie eine Wand. Du weißt, was die Arbeit ist, du weißt, warum sie wichtig ist, du weißt sogar, was der erste Schritt ist. Aber dieser Schritt wird nicht getan, und je mehr Stunden vergehen, desto mehr sammelt sich um die Arbeit eine Schicht Scham.
Browns Fälle beschreiben diese Wand sehr gut. Sie zeigen, dass Scham das Anfangen noch schwerer macht und jedes Aufschieben das nächste nährt. Diesen Kreislauf nicht als Charakterfehler, sondern als Blockade zwischen Gefühl und Managementsystem zu lesen, hat für mich viel verändert.
Das Buch gibt keine Zauberformel, um diese Blockade zu lösen. Aber es zeigt, was die Blockade ist, und das ist meiner Meinung nach der erste Schritt.
Wo ich hängen geblieben bin
Die Stichprobe. Die Fälle sind alle klug und Menschen, die eine Fachklinik erreichen konnten. Angesichts von Browns Klinik mit Schwerpunkt auf hohem Intelligenzniveau ist das verständlich, lässt aber einen großen Teil der Menschen mit ADHS draußen. Wenn dich das Verhältnis von Intelligenz und ADHS interessiert, gibt es den Beitrag Beeinflusst ADHS die Intelligenz?.
Das Ausgangskapitel ist kurz. Nach elf Fallkapiteln kommt ein einziges Lösungskapitel. Wenn du einen praktischen Leitfaden suchst, wird dich dieses Verhältnis nicht zufriedenstellen.
Der Abstand zwischen Theorie und Fall. Die Fälle sind eindrucksvoll, aber kein Beleg. Brown stützt seine Theorie in anderen Veröffentlichungen auf Forschung; in diesem Buch versucht er, den Leser eher über die Fälle zu überzeugen. Nicht überall kann man unterscheiden, welche Verallgemeinerung auf Forschung und welche auf klinischer Beobachtung beruht.
Frauen. Das Buch geht nicht eigens auf das besondere Erscheinungsbild von ADHS bei Frauen ein. Der Einfluss der Hormone, das Maskieren, die frauenspezifischen Gründe später Diagnose stehen nicht auf der Tagesordnung dieses Buches.
Auf der Behandlungsseite
Brown betrachtet in den Fällen Medikamente, Psychotherapie und Umweltanpassungen zusammen.
Die ausgewogene Seite des Buches ist, dass es zeigt, dass eine einzelne Intervention nicht genügt und dass besonders die über Jahre angesammelte Scham und die Vermeidungsgewohnheiten gesondert behandelt werden müssen. Die Entscheidung über Medikamente wird selbstverständlich mit dem Arzt getroffen.
Ein überraschend gutes Buch für eine Lesegruppe
Die Diskussionsfragen am Ende machen es sehr leicht, dieses Buch in einer ADHS-Selbsthilfegruppe oder einer Lesegruppe zu lesen.
Die Fallkapitel sind auch unabhängig voneinander. Man kann jede Woche ein Kapitel lesen und besprechen.
Auch für jemanden, der allein liest, sind diese Fragen nützlich. Nach einem Fall die Fragen in einem Heft anhand des eigenen Lebens zu beantworten, rückt das Buch von einer Erzählung näher an ein Arbeitsheft. Einen Teil dessen, was das kurze Ausgangskapitel offen lässt, kannst du so selbst ergänzen.
Brown auf Türkisch
Es gibt von Brown auf Türkisch noch ein Buch: Dikkat Eksikliği Bozukluğu, erschienen bei ODTÜ Geliştirme Vakfı Yayıncılık, übersetzt von Esra Çetintaş Sönmez. Den Originaltitel konnte ich in den Angaben bei Kitapyurdu nicht sehen. Es scheint vergriffen zu sein.
Für jemanden, der Brown auf Türkisch lesen will, ist Zeki ama Saplantılı sowohl leichter zu bekommen als auch ein wärmerer Einstieg.
Für wen
Für einen Erwachsenen, dem gesagt wurde, er sei klug, und der jahrelang die Frage „Warum schaffst du es nicht“ gehört hat. Besonders für jemanden mit später Diagnose, der akademisch oder beruflich bis zu einem Punkt gekommen und dort steckengeblieben ist.
Auch Eltern eines Jugendlichen mit ADHS empfehle ich es, um zu verstehen, dass ihr Kind nicht faul ist.
Für jemanden, der ein praktisches System aufbauen will, genügt dieses Buch nicht. Stark für Scham und Einsicht, begrenzt für die Ordnung des Alltags.
Wie man es lesen sollte: erst das erste Kapitel, denn dort steht der Rahmen, der die Fälle sinnvoll macht. Dann aus den Fällen die auswählen, die dir nah erscheinen. Am Schluss das dreizehnte Kapitel. Du musst nicht alle lesen; nach zwei, drei Fällen beginnst du, das Muster zu sehen.
Wenn du das Thema Emotionsregulation vertiefen willst, ist es gut, es zusammen mit dem Beitrag Emotionsregulation bei ADHS zu lesen.