Driven to Distraction
Beim Lesen musste ich oft innehalten, weil ich mich selbst las. Sich zu kennen und zu wissen, was man tun soll, sind zweierlei; dieses Buch gibt das Erste.
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1994 erschienen, war es eines der ersten Bücher, die ADHS einem breiten Lesepublikum erklärten. Beide Autoren sind Psychiater, und beide haben selbst die ADHS-Diagnose.
Die türkische Ausgabe erschien 2013 bei Pozitif Yayınları unter dem Titel Dikkat Eksikliği Bozukluğu, übersetzt von İrem Karaçay Yücel. Damit das Buch nicht mit anderen türkischen Büchern desselben Titels verwechselt wird, schreibe ich hier den Originaltitel.
Der Aufbau des Buches
Der größte Teil besteht aus Fallgeschichten.
Eine Person wird beschrieben: ihr Leben, wo sie Schwierigkeiten hat, der Weg zur Diagnose, das Danach. Dann gehen die Autoren von diesem Fall aus und entfalten ein Thema.
Dazwischen gibt es Kapitel wie „Die vielen Gesichter von ADHS“: verschiedene Erscheinungsbilder, bei Kindern und Erwachsenen, bei Frauen und Männern.
Am Ende kommen die Kapitel zu Diagnose, Medikation und Bewältigung.
Beim Lesen musste ich vor allem ständig innehalten
Eine Fallgeschichte lesen, das Buch zuklappen, eine Weile sitzen, dann weiterlesen.
Denn ich las mich selbst.
Was die beschriebenen Menschen tun, ist so vertraut, dass man irgendwann das Gefühl hat: „Habe ich das erzählt?“ Der Mann, der jeden Tag seinen Schlüssel verliert, die Frau, die zwölf Projekte anfängt und keins zu Ende bringt, das Kind, von dem alle sagen, es sei sehr intelligent, und das trotzdem ständig schlechte Noten bekommt.
Das ist die eigentliche Aufgabe dieses Buches, und es erfüllt sie gut.
Was mich wirklich berührt hat, war der Ton
Das Buch macht nirgends Vorwürfe.
Es formuliert das genaue Gegenteil der Sätze, die ich jahrelang gehört habe: Du bist nicht faul, du bist nicht gleichgültig, in deinem Charakter steckt kein Fehler. Hier wird etwas beschrieben, und es hat einen Namen.
Das zu hören war ein Bedürfnis, das noch vor dem Bedürfnis nach Information kam. Das Buch hat es erfüllt.
Dass die Autoren selbst die ADHS-Diagnose haben, prägt den Ton entscheidend. Sie sprechen nicht von oben herab.
Aber es hat mir nicht beigebracht, was ich tun soll
Als ich ein System aufbauen wollte, bin ich nicht zu diesem Buch zurückgekehrt.
Die Ratschläge sind allgemein: Führe eine To-do-Liste, teile Aufgaben auf, baue äußere Struktur auf. Alles richtig und nichts davon umsetzbar, weil nicht dasteht, wie es geht.
Wichtiger noch: Du kannst nicht unterscheiden, welcher Satz auf Forschung beruht, welcher auf klinischer Beobachtung und welcher auf der eigenen Erfahrung der Autoren. Die Gewohnheit, Quellen anzugeben, ist schwach ausgeprägt.
Sich zu kennen und zu wissen, was man tun soll, sind zweierlei, und dieses Buch gibt das Erste.
Die Stellen, die veraltet sind
Es wurde vor dreißig Jahren geschrieben, und das muss man berücksichtigen.
Seitdem haben sich die Diagnosekriterien geändert. Die Medikationsmöglichkeiten sind mehr geworden. Und, am wichtigsten, das Verständnis von ADHS bei Frauen hat sich deutlich verändert: Zur Zeit der Entstehung des Buches war das Bild noch weitgehend auf den zappeligen Jungen ausgerichtet.
In späteren Auflagen gibt es Aktualisierungen, aber die Grundstruktur ist dieselbe.
Man sollte es in diesem Wissen lesen, besonders die Kapitel zu Diagnose und Behandlung.
Was mich stört
Die Neigung, sich auf die Stärkenerzählung zu stützen.
Das Buch hebt gern die positiven Seiten von ADHS hervor: Kreativität, Energie, ungewöhnliches Denken.
Es ist gut gemeint und will, dass die Leserin und der Leser sich selbst wertschätzen. Ich verstehe das.
Aber es hat seinen Preis: Wenn es ein Vorteil ist, warum sollte ich dann um Hilfe bitten? Eine Anpassung am Arbeitsplatz zu beantragen, in der Schule mehr Zeit zu verlangen, all das beruht auf der Anerkennung einer Schwierigkeit.
In den späteren Büchern der Autoren ist diese Neigung noch stärker geworden.
Für wen, wann
Für jemanden mit frischer Diagnose ist es ein gutes erstes Buch. Auch für jemanden, der sich fragt: „Ob ich es wohl auch habe?“
Für alle, die Scham abbauen und das Gesamtbild kennenlernen wollen.
Das zweite Buch sollte ein anderes sein: Für den Aufbau eines Systems, für Behandlungsentscheidungen und für aktuelles Wissen reicht dieses nicht aus.
Etwa vierhundert Seiten. Weil die Fallgeschichten kurz sind, eignet es sich sehr gut zum Lesen in Etappen; man muss es auch nicht von vorn bis hinten lesen.